Über ­Umwege

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Jasmin Freimann hat an der Hochschule Fulda Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Interkulturelle Beziehungen studiert. Der Kontakt mit der Stiftungswelt entstand während ihrer Tätigkeit beim Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes in Wolfenbüttel. Die 28-Jährige nahm an der Initiative „Open-Transfer-Accelerator“ der Stiftung Bürgermut teil, mit der die Stiftung Bürgermut gemeinnützige Organisationen in Deutschland fördert. „Wie spannend muss es sein, auf der anderen, der fördernden Seite zu arbeiten?“, hat sich Freimann damals aus der Perspektive der Projektkoordinatorin beim DRK gedacht. Die Stiftung Bürgermut war „der gedankliche Türöffner“ für Freimann.

Stiftungen wurden für sie auf einmal greifbar, boten das Handfeste, das ihr, wie sie sagt, im Studium gefehlt habe. Der Wunsch, praktisch zu arbeiten, war dann auch der Grund, das Masterstudium in Sozialer Arbeit in Wolfenbüttel abzubrechen. „Das ist mir nicht leichtgefallen, aber rückblickend war es für mich die beste Entscheidung“, sagt Freimann. Sie bewarb sich erfolgreich bei der Braunschweigischen Stiftung, die zu dieser Zeit eine Elternzeitvertretung suchte.

Unbekannte Stiftungswelt

Dass junge Menschen oft nur auf Umwegen einen Zugang zu Stiftungen als Arbeitgeber bekommen, liegt auch an der mangelnden Kenntnis über den Sektor. „Der Dritte Sektor ist aus beruflicher Perspektive eine Black Box“, sagt Jörn Wunderlich, kaufmännischer Leiter der Karg-Stiftung. Vielen fehlt das Verständnis für das, was Stiftungen sind und was sie tun, und dass sie eine Vielzahl von Karrierewegen bieten.

„Bisher scheitert einiges innerhalb des Sektors am Wissenstransfer.“                                              Cathrin Heinrich, Stiftung Bürgermut

Die Identifikation der Jüngeren mit dem Sektor ist allerdings wichtig, wenn Stiftungen sie gewinnen möchten. „Im Bereich der Nachwuchsarbeit hat die Stiftungswelt Entwicklungspotential“, sagt Wunderlich. Dabei können Initiativen wie „30 unter 30“, die die Karg-Stiftung unterstützt, für mehr Sichtbarkeit des Sektors sorgen. Auch die Stiftung Bürgermut zählt zu den Förderern der Initiative, die von Peter Kreutter, Managing Director Foundations bei der WHU – Otto Beisheim School of Management und dem Bundesverband Deutscher Stiftungen ins Leben gerufen wurde.

Die Geschäftsführerin der Stiftung Bürgermut, Cathrin Heinrich, begrüßt derartige Formate: „Bisher scheitert einiges innerhalb des heterogenen Dritten Sektors am Wissenstransfer.“ Heinrich sieht Stiftungen bei diesem Thema ohnehin stärker in der Pflicht. „Stiftungen sollten sich zusammentun, um ihr Wirken zu verstärken und eine größere Öffentlichkeit über ihre Arbeit aufzuklären.“

Nachwuchsarbeit ernst nehmen

Auch auf struktureller Ebene könnten Stiftungen mehr tun und zum Beispiel Stellen für Werkstudenten, Volontäre und Trainees schaffen oder Schulabsolventen für ein freiwilliges soziales Jahr gewinnen. „Der Vorteil bestünde darin, dass eine solche Anstellung für beide Seiten erst einmal zeitlich begrenzt ist“, sagt Heinrich. „Bisher hat sich der Dritte Sektor in diesem Bereich noch nicht institutionalisiert“, sagt die zertifizierte Stiftungsmanagerin, „aber er arbeitet daran“.

Bei der Karg-Stiftung hat sich in Sachen Institutionalisierung bereits etwas getan. „Wir sind darauf angewiesen, dass wir unseren Nachwuchs pflegen“, erklärt Wunderlich. Ausgangspunkt war die Anfrage zweier Werkstudenten bei Anke Schäfer, die den Bereich Personal und Organisation für die Stiftung leitet. Die jungen Mitarbeiter erkundigten sich nach der Möglichkeit, in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen zu werden. Das hat die Stiftung dazu veranlasst, über ein Trainee-Programm nachzudenken. „Den ersten Trainee bilden wir gerade aus“, sagt Schäfer. Dieser wird im Rahmen des Programms alle Stationen innerhalb der Karg-Stiftung durchlaufen – von der operativen Arbeit in den Stiftungsprojekten bis hin zu administrativen Themen wie Finanzen und dem Stiftungsvermögen.

Jasmin Freimann betreut Projekte bei der Braunschweigischen Stiftung.
Jasmin Freimann betreut Projekte bei der Braunschweigischen Stiftung. Foto: Agentur Ausdruckslos

Dabei hätten jüngere Bewerber ein grundlegendes Interesse, „für die Guten mitzuspielen“, sagt Schäfer: „Wir sind eine gemeinnützige Stiftung und beschäftigen uns mit Themen, die eine gewisse gesellschaftliche Relevanz haben. Damit sind wir als Arbeitgeber für viele Menschen interessant.“

Cathrin Heinrich sieht – wie Schäfer – Stiftungen hier ebenfalls im Vorteil: „Die nachkommende Generation ist auf der Suche nach Tätigkeiten mit Purpose.“ Junge Menschen, die die Gesellschaft mitgestalten wollen, seien, so Heinrich, im Stiftungs­sektor gut aufgehoben. Das zeige sich auch in der Praxis. Heinrich beobachtet, dass Programme wie „On Purpose“, das gezielt junge Menschen für sozial und ökologisch motivierte Organisationen gewinnen möchte, kein Nachwuchsproblem haben.

Befristung ein Problem?

Das Thema der Befristung von Arbeitsverträgen, die für den Dritten Sektor typisch ist, ist in Sachen Nachwuchsgewinnung herausfordernder. Schäfer sieht sie jedoch nicht als unmittelbares Problem. Im Gegenteil: Eine Befristung schrecke die meisten Bewerber nicht ab, sagt sie. Zudem seien nicht alle Stellen, die ausgeschrieben werden, davon betroffen. Für die Stellen mit zeitlicher Begrenzung lägen nachvollziehbare Gründe vor: Im vergangenen Jahr seien viele Kolleginnen bei der Karg-Stiftung in Mutterschutz und Elternzeit gegangen, so Schäfer. Den Nachwuchs, der als Elternzeitvertretung nachrekrutiert wird, scheint das nicht zu stören: „Bisher konnten wir glaubhaft vermitteln, dass wir Leuten, die gute Arbeit leisten, ein unbefristetes Arbeitsverhältnis anbieten“, sagt Schäfer.

Auch Cathrin Heinrich glaubt, dass Vertreter der sogenannten Generation Z, also die zwischen 1995 und 2010 Geborenen, eine befristete Anstellung mitunter sogar positiv sehen. Der Nachwuchs denke heute eher in kürzeren Abständen und suche nicht mehr nach einem Job bis zum Lebensende, sagt Heinrich. Gleichzeitig dürften die Verträge auch nicht zu kurz ausfallen: „Nur Einjahresverträge sind zermürbend. Es gibt auch ein Bedürfnis nach einer gewissen Sicherheit“, sagt sie. Ein mittelfristiges Engagement stelle einen guten Interessenausgleich dar.

Das Thema der Befristung spielt auch bei Jasmin Freimann eine Rolle. So wurde ihr Arbeitsvertrag im Anschluss an die Elternzeitvertretung zunächst um zwei Jahre verlängert. Zu Beginn machte sie sich zwar Sorgen über die Befristung, doch mittlerweile hat sie gelernt, diesen Umstand zu akzeptieren. Freimann betrachtet die Situation geduldig: „Die Befristung ist nur ein Aspekt, aber entscheidend ist, wie wir damit umgehen“, sagt sie, die derzeit die einzige Angestellte mit einem zeitlich begrenzten Arbeitsvertrag in der Stiftung ist. In der täglichen Zusammenarbeit und im Umgang mit den Kolleginnen spiele dieser Aspekt, wie sie sagt, keine Rolle.

Knackpunkt Gehalt

Mit Blick auf wettbewerbsfähige Gehälter ist Cathrin Heinrich, die die Geschäfte der Stiftung Bürgermut seit 2020 zusammen mit ihrem Kollegen Sebastian Gillwald leitet, pessimistischer. Der Sektor steht in Konkurrenz zur freien Wirtschaft. „Dortige Gehälter können einige Stiftungen aufgrund engerer Budgets und Förderbedingungen aber nicht mitgehen. Das ist ein sektorinhärentes Problem“, sagt Heinrich.

„In der Stiftungsarbeit gibt es im Vergleich zu Konzernarbeit ein unmittelbareres Erleben der eigenen Selbstwirksamkeit. Mit diesem Pfund müssen wir viel mehr wuchern.“                            Cathrin Heinrich, Stiftung Bürgermut

Vereinzelt habe sie es schon erlebt, dass die Entscheidung für eine Karriere bei einer Stiftung am Gehalt scheitert. „Da muss man schauen, wie sehr die Sinnhaftigkeit des Jobs das geringere Gehalt aufwiegen kann“, sagt sie. Aber: „In der Stiftungsarbeit gibt es im Vergleich zu Konzernarbeit ein unmittelbareres Erleben der eigenen Selbstwirksamkeit. Mit diesem Pfund müssen wir viel mehr wuchern“, sagt Heinrich.

Im Fall von Jasmin Freimann bestätigt sich Heinrichs Annahme: Wichtiger als ein unbefristeter Arbeitsvertrag oder ein höheres Gehalt sind Freimann die Menschen und Eindrücke, die sie als Projektmanagerin für die Braunschweigische Stiftung sammelt, sowie die Kompetenzen, die sie aufbaut.

Gestalten und anpacken

So begleitet Jasmin Freimann seit zwei Jahren Organisationen, die die Stiftung finanziell fördert, von der Projektanbahnung bis zum Verwendungsnachweis eines Projekts. Ein Projekt ist die Kunstaustellung „Biophilia – Virales Soundart Labor“, für die Jugendliche aus Braunschweig und der Region zusammen mit Dozenten Kunstwerke aus Laborbildern und Musik geschaffen haben.

Jugendliche kreieren für das Projekt Biophilia Kunst aus Musik und Laborbildern.
Jugendliche kreieren für das Projekt Biophilia Kunst aus Musik und Laborbildern. Foto: Nina Weymann

Bei der Antragstellung von Projekten wie Biophilia obliegt es Freimann zu prüfen, ob die Förderkriterien der Stiftung erfüllt werden. Im Rahmen von persönlichen Gesprächen, die Freimann mit den Projektverantwortlichen führt, stellen diese ihre Projekte im Detail vor. „Ich habe dann außerdem die Möglichkeit, auf Rückfragen oder Unklarheiten des Förderprozesses einzugehen“, sagt sie.

Kommen Freimann und die Kollegen im Projektmanagement zum Entschluss, dass ein Projekt förderfähig ist, erstellt sie eine Beschlussvorlage. Anhand dieser Kurzzusammenfassung entscheidet der Vorstand, ob ein jeweiliges Projekt gefördert wird. In dem Fall von Biophilia hat sich der Vorstand für eine Förderung ausgesprochen, das hat Jasmin Freimann erleichtert. „Bei einer Zusage freue ich mich immer für die Projektpartner: innen mit, denn ich weiß, wie viel Mühe und Engagement hinter den Anträgen und wie viel Herz in den Projekten steckt“, sagt sie.

Die Arbeit hört danach nicht auf. Controlling ist das Stichwort. Freimann muss Auszahlungspläne anfordern, Empfangsbestätigungen einholen und Verwendungsnachweise der Projektpartner prüfen. Das Highlight besteht aus Freimanns Sicht allerdings nicht in der administrativen Arbeit, sondern darin zu sehen, wie geförderte Projekte realisiert werden und die Region bereichern. „Bei der Ausstellungseröffnung von Biophilia in Helmstedt habe ich gesehen, wie eine Idee, die zuerst nur auf dem Papier existiert hat, mit Leben gefüllt wurde“, sagt Freimann. „Eine der jungen Künstlerinnen war vor Ort und hat erzählt, wie sie das Projekt wahrgenommen hat und wie ihr die Ideen zu ihrem Werk gekommen sind.“

Vertrauen aufbauen

Neben der Selbstwirksamkeit, die Freimann, wie sie sagt, in der Projektarbeit der Stiftung erfährt, vermitteln ihr die Mitarbeiter und der geschäftsführende Vorstand, Friedemann Schnur, zudem ein Gefühl von Vertrauen. Dieser Eindruck habe sich von Anfang an eingestellt, weil sie sich besonders bei einem Thema ernst genommen fühlte: Im Bewerbungsgespräch traute sie sich und fragte, wie die Braunschweigische Stiftung gendergerechte Sprache handhabt. Die Reaktion darauf war positiv – doch der Vorstand offenbarte Freimann auch, dass die Stiftung sich hier noch keine Regeln gegeben, sondern Nachholbedarf habe.

Womöglich kam Friedmann Schnur bereits beim ersten Kennenlernen die Idee, Jasmin Freimann im Bereich inklusivere Sprache bei der Braunschweigischen Stiftung eine Aufgabe zu geben. Direkt nach der Einstellung Freimanns griff Schnur das Genderthema wieder auf und gab ihr die Möglichkeit, bei der zweiwöchentlichen Geschäftsstellenrunde der Stiftung das Thema vorzustellen. Heute verwendet die Stiftung die Doppelpunkt-Schreibweise. „Ich bekam von Anfang an das Gefühl, ernst genommen und gesehen zu werden“, sagt Freimann über ihren Start bei der Stiftung.

Dabei bieten Stiftungen neben sinnstiftender Arbeit auch Weiterbildungsperspektiven. So hat Jasmin Freimann Mitte März ein Intensivstudium zur Stiftungsmanagerin an der EBS-Universität in Oestrich-Winkel begonnen. In der Stiftung ist das kein Novum. Auch Friedemann Schnur hat die Fortbildung seinerzeit absolviert. Freimann sieht darin ein Signal, mit dem die Stiftung das Interesse an ihr als junger Mitarbeiterin bestärkt.

„Ich hoffe sehr, dass ich weiterhin Teil dieses Stiftungssektors und der Braunschweigischen Stiftung sein kann und dass sich in Zukunft neue Möglichkeiten ergeben“, sagt sie. Wer weiß, als ausgebildete Stiftungsmanagerin hat Jasmin Freimann womöglich bald die Chance, unbefristet für die Braunschweigische Stiftung zu arbeiten.

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