Das Thema Non-Profit-Organisation war Christian Röser nicht gerade in die Wiege gelegt. „Meine Familie hatte ein kleines Einzelhandelsgeschäft, Selbständigkeit und Unternehmertum liegen mir gewissermaßen im Blut. Von staatlichen Mitteln abhängig zu sein, erschien mir nicht wertschöpfend genug“, sagt der studierte Agraringenieur, Mitgründer und Vorsitzender des Mannheimer Vereins Starkmacher.
Das habe sich in seiner Zeit als Monitor für das EU-Programm „Jugend in Aktion“ der Nationalagentur für Deutschland „Jugend für Europa“ geändert – oder besser: angefangen zu verändern. „Da habe ich Demut bekommen vor der zivilgesellschaftlichen Arbeit sowie dem großen Einsatz, der Zivilcourage und dem Mut von kleinen Vereinen und Institutionen. Gerade auch in Ostdeutschland, für das ich in Teilen zuständig war.“
Dennoch habe er auch nach Gründung von Starkmacher 2006 noch mit seiner Entscheidung gehadert. Und ganz verschwunden ist der Hader immer noch nicht. „Eigentlich führe ich ein kleines mittelständisches Unternehmen und habe mich damit versöhnt. Seitdem ich das so betrachte, geht’s besser“, sagt Röser und lacht. „Wir machen aktuell zwischen 1,5 und 2 Millionen Euro Umsatz im Jahr und haben dabei Betriebskosten von ca. 75.000 Euro. Ich bin als Vorstand voll in der Haftung, deshalb haben wir von Anfang an eine professionelle externe Finanzbuchhaltung und Steuerberatung, da mache ich an dieser Stelle keine Qualitätskompromisse.“ Die Mission: Die Mannheimer wollen, nomen est omen, Kinder und Jugendliche starkmachen, in Deutschland wie auch international.

Starkmacher funktioniere wie eine Art Netzwerkverbund, sagt der 50-jährige Röser. „In Deutschland gibt es den eingetragenen Verein, international arbeiten wir mit sehr vielen anderen eigenständigen Trägern zusammen, zum Beispiel mit der Caritas Libanon oder auch der Wissenschaft wie zum Beispiel der Katholischen Universität Leuven in Belgien.“ Die Projekte begännen meist mit einer Notlage. „Irgendwo drückt der Schuh, zum Beispiel im Bereich Schulentwicklung, Gewaltprävention oder der Migration junger Menschen, wir erfahren davon – und schlagen dann ein Konzept für ein Projekt vor. Daraus entwickeln wir eine Pilotidee und beantragen dann Geld bei Fördermittelgebern. Werden wir unterstützt, setzen wir es um.“
Kontakthypothese in Aktion
Weihua Wang ist in der Wirtschaft geblieben, hat aber auf die Seite des sozialen Unternehmertums gewechselt. Die studierte Betriebswirtin mit einem Master in Management hat 2021 das Start-up „myBuddy“ gegründet. Auch bei der gemeinnützigen Unternehmergesellschaft ist der Name Programm: Es geht darum, Freundschaften entstehen zu lassen zwischen Menschen aus unterschiedlichen – auch kulturellen – Bubbles, durch Veranstaltungen, Musik und Kulinarik, um gemeinsame, positive Erfahrungen und Erlebnisse zu schaffen.
Diese Verbindungen laufend und in großer Anzahl durch innovative Formate einfach zu machen, die auch Spaß bringen sollen, ist für Wang eines der zentralen Themen unserer Zeit. „Soziale Medien haben auch ihre positiven Seiten. Aber die aktuelle Algorithmenlogik befördert eine Spaltung und Radikalisierung der Gesellschaft, weil wir verlernen, andere Perspektiven zu verstehen. Das ist ein Riesenproblem, das sich auch auf die Wirtschaft auswirkt, denn in einer globalisierten Welt müssen wir mehr denn je lernen, mit diversen Teams zusammenzuarbeiten. Hierin schlummert auch das große Innovationspotential, das wir noch besser entfalten müssen“, sagt Wang, die durch ein Stipendium ihres Vaters im Alter von acht Jahren aus China nach Deutschland kam.
„Eigentlich führe ich ein kleines mittelständisches Unternehmen“
Christian Röser, Verein Starkmacher
Die Arbeit von „myBuddy“ baue im Kern auf der Kontakthypothese Gordon Allports auf. „Häufige Begegnung mit Personen aus anderen Gruppen baut Vorurteile ab“, sagt Wang über den US-Psychologen und dessen 1954 formulierte Gedanken. „Das ist erst einmal total logisch und klingt sehr simpel, aber eine Begegnung zwischen den sozialen Gruppen erfolgt nicht automatisch und es braucht in der Realisierung der Kontakthypothese dezidierte Sozialformate. Ein neu gedachtes, skalierbares Begegnungsprogramm aufzubauen, ist durch die mangelnde Greifbarkeit jedoch viel schwieriger, als physische Produkte zu verkaufen.“
Zum Konzept gehört unter anderem auch das „myBuddy Festival“ in Mannheim. Die dritte Auflage ist für Mai 2025 geplant. Ab diesem Herbst kommt zudem die „myBuddy App“, die junge Menschen eventbasiert zu interkulturellen Freundschaften zusammenbringen soll – Begegnungen online sollen zu physischen Begegnungen werden, zum Beispiel in Form von Cafés, Sportevents, Kulturfesten oder exklusiven „myBuddy-Formaten“. Für den Start wird sich das Angebot stärker auf die Städte Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen der Metropolregion Rhein-Neckar fokussieren, um es anschließend deutschlandweit aufzubauen.
Langfristig soll die App und auch „myBuddy“ sich selbst tragen. „Unser Thema ist gesellschaftlich enorm relevant, aber nicht hilfsbedürftig. Deshalb funktioniert Spenden für uns nicht optimal. Unsere Strategie ist es, erfolgreiche kommerzielle Produkte und Formate so zu adaptieren, dass sie ein Vehikel für unsere Vision des kulturellen Zusammenwachsens werden, wie zum Beispiel unser Adventskalender mit Bio-Snacks aus aller Welt, der deutschlandweit im DM erhältlich ist“, sagt Wang. „Auch für die App gibt es bereits Monetarisierungsideen. Aber das ist Zukunftsmusik, denn erst einmal wollen wir ein exzellentes Social-Tech-Produkt bauen, das Freude bereitet, gerne genutzt wird und Menschen verbindet. Das steht stets im Fokus unserer Arbeit.“
Systematisch zur gUG
Die frühere Unternehmensberaterin hat die Rechtsform bewusst gewählt. Die gUG habe nach einiger Recherche einfach gut gepasst. Sie warnt aber davor, Social-Start-ups gegen klassische Unternehmen auszuspielen. „Social-Start-up bedeutet für mich vor allem die Lösung eines gesellschaftlichen Problems mittels Unternehmertum. Die größte Herausforderung hierbei ist, dass es hier in der Regel keinen klassischen Markt gibt. Viele klassische Unternehmen lösen ebenfalls wichtige Themen und können genauso einen positiven Impact haben.“ Man sollte nicht in den Kategorien „gute“ und „schlechte“ Unternehmen denken.
Aus der heißen Phase ist Röser mit Starkmacher bereits heraus, aber auch er kann sich an viele stressige Zeiten erinnern. „Ohne eine Kernmannschaft, die in guten wie in schlechten Zeiten zusammengehalten und zum Beispiel auch finanziell zum Wohle des Vereins zurückgesteckt hat, wäre es nicht gegangen“, sagt er. „Genauso wichtig war es, dass wir immer Menschen hatten, die bereit waren, ins Risiko zu gehen und zum Beispiel den Vorstand zu besetzen. Risikobereitschaft ist dann auch wieder ein Kennzeichen unternehmerischen Handelns und hat am Ende zum Erfolg geführt.“ Inzwischen sei man etabliert. Man komme gut mit den Fördermittelgebenden wie zum Beispiel unterstützenden Ministerien klar. Das habe sich Starkmacher über die Jahre aufgebaut. „Wir haben auch heute keinen Cent eigene Mittel, aber viel Expertise im Bereich Förderung und wie man sie effizient einsetzt.“
„Es gibt keinen Plan B. Das wäre aus meiner Sicht der falsche Ansatz“
Weihua Wang, „myBuddy“ gUG
Das Ziel für die nächsten fünf Jahre sei es, die Kernmannschaft unabhängiger von Projekten zu finanzieren. „Starkmacher lebt aktuell im Kern von 1,5 Vollzeitäquivalenten in der Verwaltung und 2,5 Vollzeitäquivalenten im operativen Bereich. Jeder ist auch noch in Projekten aktiv, und wir verwalten Starkmacher mit geringem Anteil in den Stellen mit, – es gibt keine 100-prozentige Verwaltung.“ Mit rund 100.000 Euro im Jahr gäbe es eine Grundsolidität im Bereich Finanzen, sagt Röser und betont die Effizienz: „Damit machen wir erfahrungsgemäß Wirkung im Wert von besagten 1,5 bis 2 Millionen möglich.“ Ein Hebel, von dem manches wirtschaftliche Unternehmen träumen würde.
Stiftungen als Chance
Erfolgreiche Unternehmer sind es auch, die Röser indirekt neue Perspektiven eröffnen: in Form von Stiftungen. „Ich komme aus der klassischen Vereinswelt, habe mit Stiftungen erst seit rund zwei Jahren zu tun. Das ist eine Riesenchance“, klingt er heute noch überrascht. Im Vergleich mit öffentlichen Geldern sei der Aufwand bei der Mittelbeantragung deutlich geringer, berichtet er von der Zusammenarbeit mit der Dietmar-Hopp-Stiftung. Dabei handelt es sich um eine gGmbH eines der drei Gründungsmitglieder des SAP-Konzerns, die im nahegelegenen Walldorf beheimatet ist. „Ich bin dafür, dass Fördermittel streng vergeben werden“, sagt Röser. „Und auch die Hopp-Stiftung schaut genau hin, aber in beidseitigem Interesse.“

Statt aufwendige Projektberichte einzufordern, kämen die Entscheider der Stiftung einfach mehrmals im Jahr persönlich vorbei. „Dann sehen sie, wie wir arbeiten. Und auch wir profitieren von dem Besuch, erhalten Impulse.“ Das Verhältnis basiert auf klaren Standards. „Wir haben zum Beispiel schon seit Gründung einen zertifizierten bilanziellen Jahresabschluss“, sagt Röser. „Das war uns immer wichtig und auch für die Dietmar-Hopp-Stiftung eine wichtige Grundlage, es mit uns zu versuchen. Wir sind auf jeden Fall im eigenen Interesse Transparenz und Rechenschaft schuldig.“
Er würde angesichts der guten Erfahrungen gerne mehr mit Stiftungen kooperieren, sagt Röser. „Ich glaube, das wäre sehr fruchtbar, merke aber, dass wir noch nie Fundraising gemacht haben im Sinne eines aktiven Zugehens auf Stiftungen. Wir hatten Starkmacher nie als eigenes Projekt interpretiert, das Unterstützung braucht, sondern nur die jeweiligen Projekte, ob im Libanon, in Partnerländern Europas, in Deutschland oder Mannheim.“
Diesem Lernprozess in Sachen Fundraising kommt ein wachsendes Interesse an sozialem Engagement zugute, beschreibt Röser. „Wir sind immer am Impact interessiert“ – und damit in immer besserer Gesellschaft. „Inzwischen kann man bei Roundtable-Veranstaltungen mit Unternehmern darüber sprechen, wie sie ein paar Prozent Rendite dauerhaft in soziale Wirkung investieren können, und stößt auf offene Ohren.“
Zukunftspläne
Gute Voraussetzungen also für einen wachsenden Verein – und künftige Generationen. Die Übergabe beschäftigt Röser bereits. „Man muss aufpassen, nicht irgendwann zum Blockierer zu werden, weil man festgefahren ist. Die Aufbauphase muss man nicht verlängern.“ Daher wolle er Stabilität erzeugen, künftigen Vorständen Grundsolidität in den Finanzen hinterlassen. „Dass man sich alle zehn, 15 Jahre neu erfindet, hat im Handel Tradition“, sagt Röser. Er erinnert sich, wie aus dem urgroßväterlichen Kolonialwarenladen mit Kaffee und Salzhering Lebensmittel und später andere Waren bis zum Werkzeug wurden, die irgendwann auf einer Plattform namens E-Bay verkauft wurden.

Weihua Wangs Zukunftspläne sind voll auf „myBuddy“ ausgerichtet. Ihre Erfahrungen als Stadträtin, Jugenddelegierte im Europarat oder Miss Baden-Württemberg 2021 fließen dabei in „myBuddy“ ein. Sie wolle ein innovatives und nachhaltiges Social-Tech-Start-up aufbauen, mit dem sie in Rente gehe. „Das wird aber dann erst in etwa 50 Jahren sein!“, sagt Weihua und lacht. „Es gibt keinen Plan B. Das wäre aus meiner Sicht der falsche Ansatz. Gründungen scheitern nie an der Idee, sondern weil die finanzielle oder mentale Puste ausgeht.“ Sie kennt die Versuchung, sich mit anderen zu vergleichen und zu hadern. Sie ist sich aber in jedem ruhigen Moment wieder sicher: „Wenn man eine Idee hat, einen Bedarf erkannt hat, dann ist sie real. Und ich werde nicht aufhören, bis ich eine tragfähige Lösung gefunden habe.“
Auch ohne das große Geld. „Wenn man Mittel hat, dann ist das Gründungsleben sicherlich leichter. Wir müssen in unserem Fall noch effizienter und kreativer arbeiten. Um aus sehr wenig hoffentlich einmal sehr viel entstehen zu lassen“, sagt Wang. Ihr Projekt setze auf Mund-zu-Mund-Propaganda, Medien, Eventpartner und natürlich die Vision, von der sie überzeugt ist. Daraus ziehen sie und ihre Mitstreiter ihre Motivation. „Ich bin mir sicher, unsere Gesellschaft wäre glücklicher und erfolgreicher, wenn jede Person die für sich richtige Stelle findet. So wie ein großes Puzzlespiel, das wir ordnen müssen. Ich für mich glaube, meinen Platz mit ‚myBuddy‘ gefunden zu haben!“
