Seit 2012 findet auf dem Deutschen Stiftungstag eine Paneldiskussion statt. Chefvolkswirte sprechen auf Einladung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt über Fragen, die die Finanzwelt umtreiben. Dieses Jahr im Hamburg lautete die Frage: „Kippen die Kapitalmärkte oder geht es weiter aufwärts?“ Auf der Bühne waren neben Michael Dittrich, dem stellvertretenden Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt: Carsten Klude von M. M. Warburg, Jörg Krämer von der Commerzbank und Robin Winkler von der Deutschen Bank.
Moderatorin Sissi Hajtmanek eröffnete das Panel mit einer Feststellung. Seit der ersten Runde von „Die Chefvolkswirte“ vor 14 Jahren habe es in jedem Jahr immer neue Krisen gegeben, über die man habe diskutieren können. Doch mittlerweile habe sich die Situation verschärft. „Wir werden die Krisen nicht mehr los“, sagte sie. Gleichwohl blieben die Finanzmärkte erstaunlich robust.
„Man könnte fast meinen, je mehr Krisen kommen, desto ruhiger werden die Märkte“, sagte Michael Dittrich. Er sei fasziniert von deren Robustheit. Carsten Klude stimmte zu. Ob man nach Moskau, Peking oder Washington blicke, die Politik in den Machtzentren der Welt werde radikaler, doch die Märkte blieben davon weitgehend unberührt.
Iran-Krieg wird zum Hemmschuh
Wie lange das noch gut gehen könne, wollte Hajtmanek von den Diskutanten wissen. „Die Ölfrage beunruhigt mich“, sagte Jörg Krämer. Die USA und Iran würden in ihrem Konflikt auf eine Klippe zufahren. „Der Iran leidet, aber seine Machthaber müssen keine Wahlen gewinnen.“ Die USA würden mit dem Verzicht auf Atomwaffen eine Forderung stellen, die der Iran nur schwer erfüllen könne. „Meine Befürchtung ist, dass es sehr lange dauert, bis diese Krise endet“, so der Chefvolkswirt der Commerzbank.
Was eine Lösung des Konflikts weiter verschleppe, sei der Umstand, dass amerikanische Unternehmen bislang zum Teil von der Krise profitierten. „Seit dem Anbeginn des Konflikts haben die S&P500-Unternehmen ihre Gewinne im Durchschnitt um 20 Prozent gesteigert.“ Die Frage sei jedoch, wie lange das noch weitergehen könne. „Wenn der Krieg zu einer weltweiten Ölkrise führt, werden die Inflationsraten auf der ganzen Welt steigen.“
„Die Menschen sparen derzeit lieber, weil sie kein Vertrauen in die Regierung haben.“
Jörg Krämer
Robin Winkler erwiderte, dass die deutsche Wirtschaft vergleichsweise gut vor Ölschocks isoliert sei. Bei einer Ölkrise würde es zuerst Engpässe in Asien geben. „Natürlich würde die deutsche Wirtschaft dann von den indirekten Konsequenzen getroffen werden“, so der Deutsche-Bank-Chefvolkswirt. „Zwei Drittel ihrer Umsätze generieren Dax-Unternehmen im Ausland.“ Und der deutsche Außenhandel sei durch die weltweiten Zölle und hohen Energiekosten ohnehin bereits unter Druck.
Das Geschäftsmodell Deutschlands
Winkler hielt es für wahrscheinlich, dass Deutschland dieses Jahr nicht mehr aus der wirtschaftlichen Stagnation herauskommt. Alle Hoffnungen auf einen Aufschwung wollte er aber nicht aufgeben. „Die Bundesregierung muss weitere Ausgaben tätigen, ihre finanzpolitischen Impulse nachschärfen.“ Jörg Krämer widersprach. „Staatliche Ausgaben reichen nicht.“ Sie hätte nicht zu dem erhofften Befreiungsschlag in der Wirtschaft geführt, so der Commerzbank-Chefvolkswirt. Es komme sehr stark auf die Erwartungshaltung der Menschen und in den Unternehmen an. „Die Menschen sparen derzeit lieber, weil sie kein Vertrauen in die Regierung haben.“ Eine keynesianische Finanzpolitik, also den wirtschaftlichen Aufschwung mit neuen Staatsschulden zu beschleunigen, könne langfristig die Probleme der deutschen Wirtschaft nicht lösen.
„Der Wechsel des Geschäftsmodells Deutschlands dauert lange“, sagte Carsten Klude. Eine Volkswirtschaft lasse sich schließlich nicht über Nacht umkrempeln. „Lange hatten wir günstige Energie aus Russland. Zudem hat das Thema Sicherheit heute einen anderen Stellenwert.“ Unternehmen brauchten Zeit, um sich an die neuen Umstände anzupassen, so der Chefvolkswirt von M. M. Warburg. Doch die Bundesregierung habe die richtige Schlussfolgerung getroffen. Die enormen Investitionen in Rüstung würden der Wirtschaft definitiv zugutekommen. „Der Effekt wird aber erst in den nächsten Jahren spürbar sein.“
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Klude sah in den Investitionen für Rüstung auch eine Chance für neue Innovationen. „Das Internet oder die GPS-Technologie sind aus Investitionen in Rüstung entstanden“, so Klude. Das alleine reiche natürlich nicht, um eine Volkswirtschaft wieder auf Kurs zu bringen. „Aber es ist ein Baustein.“
Robin Winkler warb dafür, trotz der politischen Verwerfungen mit Donald Trump, weiterhin an den USA als Handelspartner festzuhalten. „Trotz der Zölle von der Trump-Administration ist der deutsche Handelsüberschuss mit den USA intakt.“ Der vielbefürchtete USA-Schock sei trotz der Unsicherheiten in der deutschen Wirtschaft ausgeblieben. „Wir erleben viel mehr einen China-Schock“, fügte Winkler hinzu. So sei Deutschlands Handelsbilanz mit China mittlerweile negativ. China schaffe mit seinen Subventionen für ganze Wirtschaftszweige wie die E-Mobilität einen unfairen Wettbewerb. „Auch die Europäische Union verteilt Subventionen, aber die chinesischen Förderungen sind etwa viermal so hoch wie die der EU.“
Carsten Klude fügte hinzu, dass China durch die US-Zölle nun noch stärker als zuvor seine Billigwaren in Europa zu Dumpingpreisen verkaufe. „Dagegen müssen wir uns zur Wehr setzen“, sagte Winkler und verwies auf die Möglichkeit der EU, Anti-Preisdumping-Zölle zu verhängen.
Höheres Inflationsrisiko
Seine Prognose für US-Aktien fiel positiv aus: Amerikanische Unternehmen seien an der Börse zwar bereits hoch bewertet. „Aber was teuer ist kann auch noch teurer werden“, fügte er hinzu. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis im S&P-500 liege im Durchschnitt bei etwa 21, im Dax hingegen bei 13. „Das ist im Vergleich hoch, aber an amerikanischen Unternehmen kommt man an der Börse nicht vorbei.“
Auf den Anleihemarkt blickte Winkler entspannt. „Das ist ruhiges Fahrwasser.“ Er gab zu, dass auf westliche Staaten neue Ausgaben für Rüstung, Klima und Demographie zukämen. „Das wird die Haushalte weiter belasten“, so Winkler. In der Folge würden global die Zinsen weiter steigen. „Aber daraus erwächst noch lange keine Staatskrise.“
Krämer wies darauf hin, dass mit der Einflussnahme Trumps auf die Federal Reserve Bank eine Ära der Notenbankunabhängigkeit in den USA ende. „Natürlich beeinflusst das auch die Europäische Zentralbank, die ihre Entscheidungen oft nach denen der Fed ausrichtet.“ Auch daraus erwachse ein höheres Inflationsrisiko. Das sei ein Argument dafür, zumindest gegenüber langlaufenden Staatsanleihen skeptisch zu sein.
Tobias Müller ist Redakteur bei DIE STIFTUNG. Er hat Friedens- und Konfliktforschung sowie Journalismus in Frankfurt am Main und Darmstadt studiert. Als Werkstudent arbeitete er für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Im Anschluss folgte eine Tätigkeit als Onlineredakteur beim Magazin Chrismon.

