17.06.2020 | Von Die Stiftung

Ein Krieg, den keiner sieht

Als eine der „schlimmsten humanitären Krisen der Welt“ bezeichnet Handicap International den bereits fünf Jahre andauernden Krieg im Jemen. Und doch berichten die meisten Medien wenig darüber. Eine Studie der Hilfsorganisation zeigt nun die langfristigen Auswirkungen der Angriffe auf Zivilbevölkerung und Infrastruktur.

Krieg
Zerstörte Häuser in der viertgrößten Stadt Jemens, Aden: Die Auswirkungen auf Infrastruktur und Zivilbevölkerung sind verheerend, wie die Studie mit dem Titel „Todesurteil für die Zivilbevölkerung“ aufzeigt. Foto: Handicap International

Die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen, Black Lives Matter-Proteste, die schrittweise Öffnung mancher Urlaubsorte – all das sind Themen, die derzeit die Medienlandschaft beherrschen. Dass der seit fünf Jahren andauernde Krieg im Jemen 24,1 Millionen Menschen in humanitäre Notlagen gestürzt und 50 Prozent der Infrastruktur zerstört hat, ist dort hingegen kaum präsent.

Der Krieg trifft die Infrastruktur

Die Studie „Todesurteil für die Zivilbevölkerung: Die Langzeitauswirkungen von Explosivwaffen in Wohngebieten im Jemen“ von Handicap International soll das ändern. Untersucht wurden nicht nur die direkten tödlichen Folgen von Explosivwaffen mit Flächenwirkung, sondern auch die langfristigen Auswirkungen auf die Infrastruktur und damit auf die lebensnotwendigen Versorgungssysteme.

„Diese Zerstörung ist in einer Krise ebenso tödlich wie die Verletzungen durch die eigentliche Explosion und trifft eine weit größere Zahl von Menschen als diejenigen in der Nähe des ursprünglichen Angriffs“, schreibt Handicap International in einer Zusammenfassung der Studienergebnisse. Fast alle Arten von Explosivwaffen, „einschließlich Flugzeugbomben und -raketen, Artillerie, Mörser und improvisierte Sprengkörper“ sowie verbotene Waffen wie Landminen und Streumunition seien – nicht zuletzt auch in stark bevölkerten Gebieten – eingesetzt worden und hätten Wohnhäuser, Verkehrsnetze, Wasser- und Abwassersysteme, Elektrizitäts- und Stromnetze, Telekommunikationssysteme, Krankenhäuser und andere Gesundheitseinrichtungen sowie öffentliche Gebäude zerstört.

Drei Viertel der Bevölkerung im Jemen sei deshalb inzwischen auf humanitäre Hilfe angewiesen, obgleich auch diese aufgrund der zerstörten Infrastruktur deutlich erschwert ist. 16 Millionen Menschen sind gemäß der Untersuchung von Nahrungsmittelunsicherheit betroffen, 19,7 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung und mehr als zwei Drittel der Bevölkerung von knapp 30 Millionen sei derzeit für den Zugang zu Wasser, Hygieneartikel und sanitären Einrichtungen auf Unterstützung angewiesen sind.

Zur Studie

Die langfristigen Auswirkungen der Bombardierungen auf die Zivilbevölkerung wurden anhand von sechs Fallstudien untersucht, eine davon widmet sich Bombenangriffen im Jahr 2015, die den Hafen von Hodeidah zerstörten und so die Grundversorgung der Bevölkerung unterbrachen.

Die kompletten Studienergebnisse sind hier (auf Englisch) einzusehen.

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