30.10.2019 | Von Die Stiftung

Neun Thesen für die Stiftung von morgen

Wie müssen Stiftungen agieren, damit sie in einer sich wandelnden Welt bestehen können? Damit beschäftigt sich die Initiative #Vertrauen Macht Wirkung. Die Gruppe um Stifterin Ise Bosch will mit neun Thesen eine Debatte über die Stiftung der Zukunft anstoßen.

Neun Thesen
Ise Bosch wurde für ihre Arbeit mit dem Stifterpreis 2018 ausgezeichnet. Foto: Heike Günther

Wandel nachhaltig bewirken, transformativ stiften und partizipativ interagieren – so stellt sich die Initiative #Vertrauen Macht Wirkung die Zukunft des Stiftens vor. Initiiert wurde sie von Stifterin Ise Bosch sowie den Organisationen Wider Sense und Phineo, wie eine Pressemitteilung berichtet. Mittlerweile werde die Initiative von vielen Stiftungen aus ganz Deutschland unterstützt, darunter die Schöpflin-Stiftung oder die Kreuzberger Kinderstiftung.

Impulse in neun Thesen

„Stiftungen sind neu herausgefordert. ‚Etwas Gutes zu tun‘ ist mehr als eine schöne Geste – es enthebt die Gebenden nicht aller Kritik, und das ist auch gut so“, wird Bosch zitiert. „Um mitten in der Gesellschaft wirken zu können, müssen Stiftungen offener werden. Wer gibt, dem oder der ist auch viel Macht gegeben. Diese Macht gilt es in ‚Macht für viele‘ umzugestalten. Die hierarchischen Strukturen vieler Stiftungen stehen der Erreichung der gemeinnützigen Ziele häufig im Wege. Bei Entscheidungen und auch in der Planung von Stiftungshandeln sollten diejenigen mitreden, die unterstützt werden sollen.“ Um eine Debatte und Veränderungen im Dritten Sektor anzustoßen, hat die Initiative die nachfolgenden neun Thesen formuliert:

  1. Stiftungen der Zukunft haben diversere und partizipativere Stiftungsstrukturen. Um ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden, leben sie Diversität, Geschlechtergerechtigkeit und partizipative Entscheidungsprozesse vor und setzen diese in ihren Förder- und Programmtätigkeit um.
  2. Stiftungen der Zukunft hören zu. Sie achten dabei nicht nur auf die, die sie fördern und unterstützen, sondern auch auf alle anderen gesellschaftlich relevanten Akteure, die etwas zu sagen haben. Wer zuhört und sich auf Augenhöhe begegnet, lernt, die eigenen Annahmen kritisch zu hinterfragen – was unmittelbar die Qualität der eigenen Arbeit begünstigt.
  3. Stiftungen der Zukunft teilen ihre Macht. Wenn Stiftungen gemeinsam mit Geförderten Programme entwerfen und sie in Entscheidungsprozesse einbinden, wirken sie bewusst dem Machtgefälle zwischen fördernden und geförderten Organisationen entgegen und verstärken die gesellschaftliche Wirkung ihres Handelns.
  4. Stiftungen der Zukunft sind transparent. Um die Glaubwürdigkeit und  Legitimität ihres Handelns zu stärken, müssen Stiftungen transparenter werden. Das bedeutet, dass Stiftungen (Förder-)Kriterien und Entscheidungen offenlegen, sie Erfahrungen, Wissen und Daten teilen und Partner mit Offenheit und Respekt behandeln.
  5. Stiftungen der Zukunft wirken gemeinsam in Partnerschaften und Netzwerken. Stiftungen haben ein Auge dafür, wo aus Partnerschaften wichtige Synergien entstehen können und verfolgen dabei nicht nur ihren Selbstzweck. Sektorübergreifende Partnerschaften zwischen öffentlichen Institutionen, Unternehmen, Stiftungen, Bürger und gemeinnützigen Organisationen wirken vielfach: Sie vereinen individuelle Anstrengungen, erzielen eine größere Reichweite und Aufmerksamkeit, verbessern das gegenseitige Verständnis und mehren das Wissen aller beteiligten Akteure.
  6. Stiftungen der Zukunft fördern innovativ. Egal ob sie proaktiv bestehende Systeme und Strukturen ändern wollen, oder ob sie Gutes bewahren möchten, in jedem Fall gilt: Innovative Lösungsansätze zu testen, ist für Stiftungen vergleichsweise unproblematisch, da sie unabhängig agieren und langfristig planen. Dass Förderungen immer nur einmal vergeben werden können, hält jedoch viele Stiftungen davon ab, neue Wege zu gehen. Dabei ist die Belohnung groß: Stiftungen lernen dazu und können mehr Wirkung erzielen.
  7. Stiftungen der Zukunft leben eine moderne Fehlerkultur. Wenn Stiftungen ihre Erfahrungen teilen, entfalten vermeintliche Fehler und Misserfolge positive Effekte: Sie stärken Wissen und Kompetenzen der Organisationen und des Sektors und stoßen häufig unerwartete positive Entwicklungen an.
  8. Stiftungen der Zukunft fördern mit Weitblick. Für eine starke Zivilgesellschaft, die auf starken Organisationen basieren soll und nicht auf einem ständigen Wettbewerb zwischen Förderungskandidaten, müssen Stiftungen nachhaltig fördern. Deshalb sollten nicht nur Projekte finanziert werden, sondern vor allem auch Strukturförderungen getätigt werden. Auch das Stiftungskapital sollte als Katalysator für gesellschaftliche Veränderung nachhaltig und nah am Stiftungszweck investiert werden.
  9. Stiftungen der Zukunft geben mehr als nur Geld. Gemeinnützige Organisationen brauchen oft mehr als die klassische Projektförderung, um erfolgreich und langfristig zu wirken. Manchen ist mehr geholfen, wenn Stiftungen Kontakte und Experten vermitteln, Zugänge zu Netzwerken schaffen, sich mit ihrem Know-how einbringen oder sich mit ihrem Kapital engagieren.
Artikel teilen