Julia Kostial stellt gleich zu Anfang klar: Es gibt kein Deutsches Design-Museum, jedenfalls nicht im analogen, physischen Sinne. „Wir haben zurzeit kein Gebäude, in dem sich ein Museum befindet“, erklärt die geschäftsführende Vorständin der Stiftung Deutsches Design-Museum. „Aber uns wurde das historische Fotoarchiv des Rat für Formgebung mit über 40.000 Produktfotos aus den 50er bis 90er Jahren als Dauerleihgabe überlassen, mit hervorragenden Beispielen deutscher Produktdesigns.“ Eine der Aufgaben der Stiftung ist es, diese Bilder zu digitalisieren und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Die Originale wiederum werden als Leihgaben für Ausstellungen und Publikationen zur Verfügung gestellt. So weit der „museale“ Teil.
„Designen heißt gestalten, unsere ganze Umgebung ist gestaltet, und jeder von uns gestaltet tagtäglich.“
Julia Kostial, geschäftsführende Vorständin der Stiftung Deutsches Design-Museum
Von der Schule in die Welt

Neben der Verwaltung des Fotoarchivs ist es aber auch erklärtes Ziel der Stiftung, Design mit seinen vielen Rollen in die Gesellschaft zu tragen – denn es geht um viel mehr als die Optik. „Mit Design lassen sich Probleme kreativ lösen, auch und vor allem rund um das Thema Nachhaltigkeit“, betont Julia Kostial. Bei jedem Projekt müsse von Anfang an nachhaltig gedacht werden, angefangen beim Material über die Produktion bis zum Ressourcenverbrauch beim Betrieb des Produktes oder eines Gebäudes. Und auch im Sozialen, Zwischenmenschlichen gibt es Design, zum Beispiel bei der Gestaltung von verschiedenen Prozessen in Unternehmen. „Designen heißt gestalten, unsere ganze Umgebung ist gestaltet, und jeder von uns gestaltet tagtäglich“, sagt die Vorständin. Mit verschiedenen Werkzeugen und unterschiedlichen Konsequenzen. Deshalb hat sich die Stiftung unter anderem entschieden, sich mit verschiedenen Projekten im Bereich der kulturellen Bildung anzusiedeln. Deutschlandweit werden beispielsweise in Schulen Workshops und andere innovative Formate angeboten, die Kindern und Jugendlichen den Sinn und die Kraft guten Designs vermitteln sollen. „Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Aktionen wie Fridays for Future werden auf theoretischer Ebene in der Schule behandelt, im Deutsch- oder Ethikunterricht. Und dann kommen wir mit unserem Upcycling-Projekt und machen Umweltschutz erlebbar, nach dem Motto ‚Heute machen wir Klimaschutz‘“, sagt Julia Kostial. „Das begeistert die Jugendlichen und führt sie kreativ an Themen heran, die sonst vielleicht nur theoretisch blieben.“
Im Jahr 2020 bekam die Stiftung die Möglichkeit, im Rahmen einer Ausschreibung des Auswärtigen Amtes mit ihrem Design Networking Hub zu zeigen, dass die Zusammenarbeit von internationalen Kreativen dazu beitragen kann, mit Design gesellschaftliche Probleme anzupacken und zu lösen. Im November 2022 fand die Abschlussveranstaltung mit der Präsentation der Projektergebnisse statt.
Kulturen durch Design verbinden

„Wir wollten gern ein weiteres internationales Projekt realisieren“, sagt Linda Robens, Projektleiterin Design Networking Hub der Stiftung. „Als dann die Ausschreibung des Auswärtigen Amtes kam, haben wir die Gelegenheit beim Schopf gepackt.“ Man habe bereits in der Vergangenheit internationale Projekte mit dem Auswärtigen Amt umgesetzt. So haben beispielsweise 2019 zwei deutsche Designer in über 100 Schulen in den USA Bauhaus-Workshops durchgeführt, hier war auch das Goethe-Institut Washington als Kooperationspartner mit an Bord.
In der Ausschreibung 2020 ging es um internationale Kollaborationen im Bereich Design, diesmal in Wechselwirkung mit einem anderen europäischen Land oder einem Land in Afrika. „Das wollten wir unbedingt machen“, sagt Linda Robens. „Der Kontinent war uns bislang fremd, das Potential aber durchaus bekannt.“ Nach eingehender Prüfung, auch in Zusammenarbeit mit dem Rat der Formgebung, fiel die Wahl auf Kenia. Schnell war als wichtigster Kooperationspartner die Design Kenia Society gefunden, ein Verein, in dem sich kenianische Designer und Kreative ehrenamtlich engagieren. Der Design Networking Hub war geboren.
Auf der deutschen und der kenianischen Seite haben sich insgesamt gut 130 Designer und Architekten beworben, um an dem Projekt teilzunehmen. Eine Fachjury wählte zehn Personen aus, die in drei Teams innerhalb der Themenfelder Housing, Mobility und Technology eigene Ideen zur Lösung von selbst identifizierten Problemen entwickelten.
Die sogenannte Pilotgruppe agierte der Pandemie geschuldet weitgehend digital, eine der größeren Herausforderungen des Projekts. Eine weitere war die Aufgabenstellung. „Wir wollten die Kreativität der Teams nicht behindern und ließen sie selbst ein Problem suchen, das sie lösen wollten“, erklärt die Projektleiterin. Im Nachhinein wäre es besser gewesen, ein konkretes Anliegen zu präsentieren, das es zu lösen gilt. Das sei auch als Feedback aus den Teams gekommen. Auf der anderen Seite habe man viel voneinander gelernt, betont Linda Robens. Für die deutschen Teilnehmer und auch die Mitarbeiter der Stiftung selbst war es beispielsweise die weit fortgeschrittene Digitalisierung Kenias, die beeindruckte.
Freier Lauf der Kreativität
Die Erkenntnisse aus der Projektarbeit wurden in Form eines Blogs der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. „Wir sind überzeugt, dass unsere Erfahrungen anderen weiterhelfen können, die ähnliche Projekte umsetzen möchten“, sagt Julia Kostial. „Und zwar nicht nur in der Kreativbranche, sondern überall dort, wo ein Team mit einer Idee durchstarten möchte.“
Das Wichtigste am Design Networking Hub ist das Netzwerk – dasjenige, das während der Projektarbeit entstanden ist, und eines, das im Entstehen begriffen ist. „Zwischenmenschliche Verbindungen sind stabiler und deshalb wichtiger als politische oder wirtschaftliche“, erklärt die Vorständin der Stiftung. Deshalb sei man überzeugt, dass internationale Netzwerke nicht nur innerhalb der eigenen Branche auch wirtschaftlich nützlich sind, sondern auch zum Frieden beitragen, ein hehrer Nebeneffekt des Projekts.
„Wir können und wollen weitermachen, in ähnlichen oder anderen Projekten, wir sprühen nur so vor Ideen und haben für einige auch schon Konzepte.“
Linda Robens, verantwortlich für das Projektmanagement
Im Matchmaking-Tool auf der Website des Design Networking Hub können Designer und Architekten ihre Projekte vorstellen, nach Kooperationspartnern suchen oder Menschen finden, die sich mit ähnlichen Problemen auseinandersetzen, um sich auszutauschen, voneinander zu profitieren und miteinander in Kontakt zu treten. „Noch sind wenige Kreative eingetragen“, sagt Kostial. „Aber wir haben kein anderes ähnliches Tool für diese Branche gefunden, gehen also davon aus, dass es mit der Zeit und natürlich mit dem richtigen Netzwerk wachsen wird.“
Nach dem Projekt ist vor dem Projekt
An sich ist das Projekt Design Networking Hub nahezu abgeschlossen. Nur der Blog werde regelmäßig erweitert, man habe noch sehr viel interessantes Material, das veröffentlicht werden soll. Doch damit ist natürlich nicht Schluss. „Wir können und wollen weitermachen, in ähnlichen oder anderen Projekten, wir sprühen nur so vor Ideen und haben für einige auch schon Konzepte“, sagt Linda Robens. Zur Umsetzung benötigt die Stiftung aber Finanzierungspartner, wie das Auswärtige Amt beim Design Networking Hub oder Förderstiftungen, die andere Projekte der Stiftung finanzieren. „Wir sprechen aktiv mögliche Partner an, heißen aber auch jeden willkommen, der unsere Arbeit interessant findet und auf uns zukommt“, gibt die Projektleiterin zu. Damit Design als Kulturtechnik noch viel mehr Menschen zugänglich wird.
Info
Team Housing: FLEXI SPACE bezeichnet ein erweiterbares Produktsystem, das obdachlosen Menschen ein sichereres und einfacheres Leben bieten kann. Dazu gehören ein personalisiertes Schließfachsystem, das Schutz für Persönliches, aber auch eine Adresse bietet, flexible, verschließ- und faltbare Schlafsäcke mit einer wärmeisolierenden Schicht und einer solarbetriebenen Handyladestation sowie Hygiene-Sicherheits-Rucksäcke.
Team Mobilität: KAZUJU ist eine digitale Lernplattform, die digitale Ausbildungsprogramme mit zertifizierten Abschlüssen für Studierende beider Länder anbietet.
Team Technology: ZINIA ist ein Sensorik-Kit, das viele zum Teil sehr teure Messgeräte auf Pilzfarmen ersetzt. Dabei misst ZINIA in Echtzeit Feuchtigkeit, Temperatur, CO2-Gehalt und Lichtintensität und trägt dazu bei, dass mehr Nahrung produziert werden kann. Das Team hatte bei der Entwicklung die Ziele 1. keine Armut und 2. kein Hunger der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen im Blick.
Stefan Dworschak ist Chefredakteur von DIE STIFTUNG. Zuvor war er nach einem Magisterstudium der Anglistik, Philosophie und Romanistik mit sprachwissenschaftlichem Schwerpunkt an den Universitäten Heidelberg und Sheffield in der Mantel- sowie Lokalredaktion einer Tageszeitung tätig.

