05.11.2018 | Von Martina Benz

Welthungerhilfe: „Drei Viertel der hungernden Menschen leben dort, wo Nahrung produziert wird“

Die Welthungerhilfe setzt sich in afrikanischen Ländern für die Landrechte der lokalen Bevölkerung ein. Welche Ansätze sie hierbei verfolgt, hat Constanze von Oppeln im Gespräch mit DIE STIFTUNG verraten – und zudem einen kleinen Einblick in die Rolle ausländischer Agrarinvestoren sowie Unterstützungsmöglichkeiten von Non-Profit-Organisationen gegeben.

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Gerade in ländlichen Regionen stellen Landrechte eine wichtige Überlebens- und Entwicklungsgrundlage dar. Foto: © Ruiz_Welthungerhilfe

Vergangenen Monat ist der Welthunger-Index erschienen. Was ist dieser und welche Rolle spielt er für Ihre Arbeit?
Constanze von Oppeln: Der Welthunger-Index ist ein Instrument der Öffentlichkeitsarbeit und der politischen Einflussnahme. Es handelt sich dabei um ein Instrument zur Messung des Hungers auf globaler, regionaler und nationaler Ebene. Ein Kernelement ist das Länderranking, das die Länder nach dem Ausmaß des Hungers auflistet. Ergänzend enthält der Index für einzelne Länder vertiefende Fallstudien. Über die Ergebnisse und Platzierungen des Indexes können wir mit Verantwortlichen vor Ort ins Gespräch kommen.

Welche Rolle spielt dabei der hohe Bekanntheitsgrad der Welthungerhilfe?
von Oppeln: Die Welthungerhilfe ist dafür bekannt, dass sie eine seriöse Arbeit macht und ihre Erfahrungen aus den Ländern in den Bericht einfließen. Wichtig ist auch, dass die Methodik vom International Food Research Institute in Washington entwickelt wurde. Dieser Partner steht für wissenschaftlich anerkannte Zahlen und Fakten. Der Bericht liefert somit auch eine solide Basis für Handlungsempfehlungen.

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Land- und Frauenrechte: Der Welthungerhilfe geht es bei ihrem Engagement in Afrika unter anderem darum, die lokale Bevölkerung in ihren Rechten zu stärken. Foto: ©Ruiz/Welthungerhilfe

Die Welthungerhilfe fördert außerdem „Land for Life“, eine Initiative, die Partner in Äthiopien, Burkina Faso, Liberia und Sierra Leone dabei unterstützt, politische Dialogplattformen zu Landrechtsthemen aufzubauen. Können Sie etwas mehr über diese Initiative erzählen?
von Oppeln: „Land for Life“ wurde im Juni 2017 in Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen initiiert und wird vom Deutschen Entwicklungsministerium mitfinanziert. Die Initiative soll einen Beitrag zur verantwortungsvollen Verwaltung von Landressourcen leisten. Das Besondere daran ist, dass es sich um einen Multi-Akteurs-Ansatz handelt. Möglichst alle Akteure, die etwas mit den Themenfeldern Landrechte und Agrarinvestitionen zu tun haben, sind daran beteiligt. In alternativen Governance-Foren, also lokalen Dialogforen, werden Analysen durchgeführt, die wiederum Herausforderungen, Möglichkeiten und Wissenslücken aufzeigen, um ein gemeinsames Bild der Situation für alle Akteure zu schaffen. Dann formulieren diese ein gemeinsames Ziel. Wir unterstützen begleitend und beratend, die Verantwortung aber liegt bei den Gruppen selbst. Über das Ergebnis haben wir somit keine volle Kontrolle mehr – das ist neu. Während andere Ansätze meist klare Indikatoren und Outputs definieren und gemeinsam mit Partnern konkrete Projekte umsetzen, ist dieser Ansatz viel prozessorientierter und dadurch hoffentlich nachhaltiger.

Wann ist solch ein Ansatz sinnvoll?
von Oppeln: Ich denke, Organisationen müssen in der Entwicklungsarbeit auf jeden Fall stärker systemisch und in Prozessen denken, doch das bedeutet auch mehr Aufwand. Diesen zu betreiben, ist dann sinnvoll, wenn eine Thematik so komplex ist, dass alle Akteure benötigt werden, um effektiv voranzukommen. Außerdem braucht es eine gewisse finanzielle Flexibilität, da das konkrete Ziel zu Beginn der Maßnahme noch nicht klar ist. Glücklicherweise sind Geldgeber inzwischen offener für neuartige Ansätze, seit die Debatte darüber, welche Methoden in der Entwicklungszusammenarbeit sinnvoll sind, durch die nachhaltigen Entwicklungsziele der UN (Sustainable Development Goals, SDGs) verstärkt worden ist.

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In vielen afrikanischen Staaten ist das zivilgesellschaftliche Engagement noch nicht besonders ausgeprägt. Das ist häufig ein Resultat aus politisch instabilen Verhältnissen, die nicht zuletzt lebensgefährliche Folgen für die Engagierten haben können. Durch die „Land Rights“-Initiative versucht die Welthungerhilfe unter anderem in Liberia zivilgesellschaftliche Teilhabe zu fördern, um so u.a. die ländliche Bevölkerung dabei zu unterstützten, gesicherten Zugang zu Land zu erhalten – als Grundlage für eine Verbesserung der nachhaltigen Landwirtschaft. Foto: ©Ruiz/Welthungerhilfe

Ihnen geht es vor allem um Landrechte. Welche Rolle spielen diese für die Entwicklung eines Landes?
von Oppeln: Viele Länder des Südens sind abhängig von der Landwirtschaft. Ein gesicherter Zugang zu Land und Ressourcen ist für die Menschen dort somit zentral. Durch das starke Bevölkerungswachstum und die Industrialisierung der Landwirtschaft reichen die Landflächen für einzelne Familien jedoch oft nicht mehr aus. Außerdem fließt viel zu wenig Geld in die Schaffung der Rahmenbedingungen, die Kleinbauern benötigen, um mehr und besser zu produzieren, das heißt in den Zugang zu Krediten, Infrastruktur oder Agrarberatungsdienst. So entsteht ein bizarrer Effekt: Drei Viertel der hungernden Menschen leben heute in ländlichen Regionen. Also dort, wo Nahrung produziert wird.

Welche Verantwortung tragen deutsche Agrarunternehmen?
von Oppeln: Unternehmen müssen sich gut darüber informieren, in welchen Kontext sie sich mit einer Investition begeben. Verspricht eine afrikanische Regierung ungenutzte Landflächen, muss das Unternehmen prüfen, ob das auch stimmt. Hierbei sollte man sich nicht nur auf Aussagen staatlicher Institutionen verlassen, sondern auch die Meinung der lokalen Zivilgesellschaft einholen.

Wie stehen Sie generell zu ausländischen Investitionen in afrikanische Länder?
von Oppeln: Auch die Welthungerhilfe fordert seit langem mehr Investitionen in Landwirtschaft und ländliche Entwicklung. Entscheidend ist jedoch, wie diese Investitionen getätigt werden. Bei ausländischen Direktinvestitionen in Agrarland pachten ausländische Unternehmen Land für fünfzig oder mehr Jahre. Oder sie kaufen es. Internationale Standards für solche Investitionen, zum Beispiel die Freiwilligen Leitlinien zur verantwortungsvollen Verwaltung von Land-, Forst- und Fischereiressourcen (VGGT) der UN, halten sie dabei viel zu oft nicht ein, wodurch die Bevölkerung Land, und somit die ihre Lebensgrundlage vor Ort, verliert.

Wehrt sich dagegen keiner?
von Oppeln: Zivilgesellschaftliche Akteure haben in diesen Ländern noch wenig Erfahrung darin, sich zu behaupten, oftmals sind ihre Spielräume zur gesellschaftlichen Mitbestimmung beschränkt. Zudem gibt es keine Spendenkultur wie bei uns, weshalb solchen Akteuren oft Ressourcen fehlen, und sie  auf Unterstützung von außen angewiesen sind.

Wie kann geholfen werden?
von Oppeln: Neben der Schaffung von Einkommensquellen außerhalb der Landwirtschaft in ländlichen Regionen, können inklusiv-partizipative Modelle für Investitionen in der Landwirtschaft eine Lösung sein. Der sogenannte Vertragsanbau kooperiert mit den lokalen Bauern, die so einen besseren Zugang zu den Märkten, landwirtschaftliche Beratung und gesicherte Abnahmequellen erhalten. Doch bei der Gestaltung solcher Modelle dürfen keine neuen Abhängigkeiten entstehen. Gute Modelle sind die, die Mitbestimmungsrechte beinhalten. Außerdem braucht es Genossenschaften, damit die Bauern sich stärker gegenüber den Unternehmen positionieren können.

Was kann eine Non-Profit-Organisation konkret tun?
von Oppeln: Es ist wichtig, die Leute vor Ort über ihre Rechte zu informieren und sie darin zu stärken, diese einzufordern. Außerdem müssen die Regierungen im Süden an ihre Pflichten erinnert werden. Eine weitere Möglichkeit ist das Blended-Finance-Modell, durch das beispielsweise kleinbäuerliche Strukturen gestärkt werden können.

Was ist darunter zu verstehen?
von Oppeln: Blended Finance ist ein Modell, das Spenden, Stiftungsgelder, staatliche Darlehen, Kredite, Bürgschaften oder den Kauf von Kapitalanteilen an Firmen, die in Ländern arbeiten, die von der OECD als förderungswürdig eingestuft wurden – sogenannte ODA-Länder – einsetzt, um private Kapitalströme zu mobilisieren.

Wann ist Blended Finance sinnvoll einzusetzen?
von Oppeln: Vor allem in Bereichen, die ohne eine öffentliche Förderung unterfinanziert wären. Außerdem ist wichtig, dass dabei die SDGs gefördert werden. Ein förderungswürdiger Sektor ist zum Beispiel die Energiegewinnung durch erneuerbare Energien.

 

Foto: © Welthungerhilfe

Constanze von Oppeln ist bei der Welthungerhilfe zuständig für „Land for Life“, eine Initiative, die Partner in vier afrikanischen Ländern dabei unterstützt, politische Dialogplattformen zu Landrechtsthemen aufzubauen. Die Deutsche Welthungerhilfe ist ein eingetragener Verein und setzt seit seiner Gründung im Jahr 1962 Projekte im Bereich Nothilfe und Entwicklungszusammenarbeit um, vor allem in den Bereichen Landwirtschaft und Ernährung im ländlichen Raum. Seit nunmehr 20 Jahren fördert zudem die Stiftung Deutsche Welthungerhilfe die Arbeit der Welthungerhilfe durch langfristige Engagementmöglichkeiten.

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