Neven Subotic ist Fußballprofi und engagiert sich mit seiner Stiftung für die Wasserversorgung in Äthiopien. Dem Stiftungssektor stand er anfänglich skeptisch gegenüber – und auch heute noch kritisiert er die fehlende Transparenz deutscher Stiftungen.

Neven Subotic ist Innenverteidiger. Damit verdient der 32-Jährige bis heute sein Geld. Im Idealfall luchst er Gegenspielern auf dem Fußballplatz fair und regelkonform den Ball ab. Seit 2006 macht er das professionell. In den besten Zeiten bildete er zusammen mit Mats Hummels bei Borussia Dortmund die beste Abwehr der Bundesliga. Zweimal wurde Subotic Deutscher Meister, zweimal gewann er mit dem BVB den DFB-Pokal.

Neben dem Platz ackert Subotic ebenfalls. Aber hier geht es nicht gegen, sondern für andere Menschen. Der Fußballer setzt sich für eine, wie er sagt, Lebensgrundlage von Menschen ein: Wasser. Die von ihm 2012 gegründete Neven-Subotic-Stiftung engagiert sich in Äthiopien und will dort Einheimischen mit Zugang zu sauberem Wasser, Sanitäranlagen und Hygiene die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben schaffen. Der Gründung dieser Stiftung sei ein langer Entscheidungsprozess vorausgegangen, sagt Subotic, der aktuell für den österreichischen Bundesligisten SCR Altach die Fußballschuhe schnürt.

Neven Subotic: Zwei Kontinente in jungen Jahren

Stifter Subotic zeigt den Unterschied der Wasserqualität: links vorher, rechts aus dem Brunnen.

Stifter Subotic zeigt den Unterschied der Wasserqualität: links vorher, rechts aus dem Brunnen. Foto: Neven-Subotic-Stiftung

Der Reihe nach: Noch bevor seine Karriere begann, erlebte Subotic selbst, wie viel ein Ehrenamt im Leben von Menschen verändern kann. Im Alter von zwei Jahren floh er mit seiner Familie 1990 aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland in die Nähe von Pforzheim. „Dort gab es wenige, aber für uns sehr bedeutende Menschen, die uns auf die Beine geholfen haben“, blickt Subotic zurück. „Beispielsweise haben wir zu Beginn im Vereinsheim des Sportvereins gewohnt.“ Die Leute vor Ort seien den Subotics auf Augenhöhe begegnet, statt sie – wie manch andere – wie Außerirdische zu behandeln. Das schätzen er und seine Familie bis heute, sagt Subotic. Nach neun Jahren entschied sich die Familie, in die USA zu gehen, denn in Deutschland drohte die Abschiebung zurück auf den Balkan. Auch auf der anderen Seite des Ozeans griff den Subotics eine NGO unter die Arme.

Über die gesamte Zeit spielte der junge Neven Fußball. Mit 17 entschied er sich, ohne seine Familie wieder über den Ozean zu fliegen und in Europa im Profifußball Fuß zu fassen. Bei seiner ersten Station
in Mainz 2006 wurde er schließlich selbst zu einem ehrenamtlichen Helfer. „Der Verein hatte eine Partnerschaft mit einem sozialen Projekt. Da mitzumachen, hat mir persönlich sehr viel geholfen, Dinge einzuordnen und mir meiner Position in der Gesellschaft bewusst zu werden. Es war schön zu sehen, wie wir Fußballer für sozial benachteiligte Kinder zu einer Art großen Brüdern wurden.“

Von Mainz wechselte Neven Subotic zwei Jahre später nach Dortmund. „Die meisten Fußballvereine unterstützen im lokalen Raum. Man besucht Krankenhäuser, verschenkt Sachen vom Verein. Das sind sehr einfache Dinge, die oft sehr spektakulär aufbereitet werden. In mir hat das irgendwann eine Leere ausgelöst und den Wunsch, mich einzusetzen, wo es am dringendsten benötigt wird.“

Stiftung klingt korrupt

Viele Fußballer hätten niemanden in ihrem Umfeld, der sich damit auskennt, wie man sich sozial engagieren kann, sagt Subotic. Wer keine Bezugsperson habe, der werde ein Engagement wahrscheinlich auch nicht angehen. Subotic hatte das Glück, über einen guten Freund der Familie auf das Stiftungswesen aufmerksam zu werden. Dieser hatte bereits selbst eine Stiftung ins Leben gerufen und war auch Berater. Überzeugt war der junge Fußballprofi vom Konstrukt der Stiftung, das ihm der Freund vorschlug, anfänglich aber ganz und gar nicht: „Ich dachte: Stiftung? Das klingt so korrupt, mache ich nie.“ Seine Wissenslücken und Skepsis füllte der Abwehrspieler wie freie Räume auf dem Platz. „Wenn ich eine Entscheidung treffe, die große Auswirkungen haben kann, dann nehme ich mir viel Zeit, das anzugehen“, sagt Subotic. Er sammle Daten, mache sich Gedanken und entscheide dann. Aus der Ablehnung wurde Akzeptanz, schließlich Überzeugung.

Info

Im Norden Äthiopiens bekriegen sich seit November 2020 Streitkräfte der nationalen Zentralregierung, der Regionalregierung sowie weitere Akteure. Die Situation ist unübersichtlich, eine internationale Berichterstattung ist wegen der unterbrochenen Strom- und Telefonleitungen kaum möglich. Daher eruiert die Neven-Subotic-Stiftung, ob sie ihr Engagement in ein anderes Partnerland verlagern muss. Hier geht es zur Webseite der Stiftung.

Auch bei der Festlegung des Stiftungszwecks nahm er sich Zeit, sammelte seine Daten, analysierte, wog ab. Für ein Engagement im Bereich Wasser in Äthiopien sprach, dass dort der Bedarf sehr hoch ist. So könne die Stiftung über Jahre greifbare Veränderungen schaffen, denn Wasserversorgung könne man mit einfacher Technik sowie kleinen Kapazitäten gut bereitstellen, so Subotic. Damals war die politische Lage im Norden des Landes allerdings sicherer als heute.

Vom Spender her denken

Dabei stand Subotics Start unter dem Credo „Nicht zu kompliziert anfangen“. Es sollte ein erster Test im Sektor sein, sagt er. Deshalb war die Stiftung zu Beginn auch nicht rechtsfähig, sondern hat als Treuhandstiftung agiert. Im ersten Jahr eine One-Man-Show, war Subotic skeptisch, ob alles so klappen würde, wie er sich das vorgestellt hatte: „Ich will gewährleisten, dass das Geld der Spender zu 100 Prozent im Projekt ankommt.“ Als Stifter dürfe man die Spender niemals enttäuschen. Das sei das A und O. Dass er als Prominenter Vorschusslorbeeren genießt, wenn es um Vertrauen geht, merkt Subotic, fügt allerdings hinzu: „Man bleibt einer Stiftung nicht treu, weil sie von einer bestimmten Person organisiert ist, sondern weil sie Dinge macht, die verständlich, transparent, nachvollziehbar und erfolgreich sind.“

Deswegen legt seine Stiftung nicht nur alle Projekte transparent im Internet offen – mit genauen GPS-Daten der gebauten Brunnen und dem Impact (der Wirkung), also wie vielen Menschen mit einem Brunnen der Zugang zum Wasser ermöglicht wird. Subotic stellt auch den Jahresabschluss sowie seine privaten Zuwendungen für jeden einsehbar auf die Webseite. Dieses Verständnis von Transparenz habe er von den Stiftungen aus den Vereinigten Staaten, wo seine Familie immer noch lebt, übernommen.

Ein Bild, das an die frühen Zeiten der Ölbohrungen erinnert. Doch hier kommt aus dem Erdboden Wasser. Den Bau des Brunnens hat die Neven-Subotic-Stiftung finanziert und organisiert.

Ein Bild, das an die frühen Zeiten der Ölbohrungen erinnert. Doch hier kommt aus dem Erdboden Wasser. Den Bau des Brunnens hat die Neven-Subotic-Stiftung finanziert und organisiert. Foto: Neven-Subotic-Stiftung

Dass er die Verwaltungskosten der Stiftung, die heute bei einem Grundstockvermögen von 125.000 Euro pro Jahr zwischen 300.000 bis 400.000 Euro liegen, aus eigener Tasche finanziert, darf und soll jeder wissen. Das sieht er als seine Verantwortung gegenüber den potentiellen Geldgebern. „Wenn 50 Prozent der Spenden wegen der Verwaltungskosten nicht im Projekt ankommen, dann verliert man die Leute und schadet in der Folge dem ganzen Stiftungssektor“, sagt Subotic.

Eine offenere Kommunikation wünscht er sich auch bei anderen Stiftungen und kreidet an, wie intransparent der Stiftungssektor in Deutschland ist: „Als normaler Bürger hat man keinen Überblick, was die Motivationen der Stiftungsgründungen sind, wo und mit welchem Zweck sich die Stiftungen engagieren. Da steigt keiner durch.“

So würden Stiftungen im Allgemeinen schlecht dastehen, sagt er und denkt auch an seine eigene Skepsis gegenüber dem Konstrukt. Über die guten Stiftungen werde viel zu wenig gesprochen, findet der Fußballer. Und ein paar schwarze Schafe würden die anderen überschatten.

Sich und andere weiterbilden

Mittlerweile hat Subotic seine Bedenken beiseitegelegt und seine Stiftung weiterentwickelt. Heute ist die Subotic-Stiftung eine rechtsfähige Förderstiftung, die jetzt auch beginnt, eigene Projekte zu organisieren und nicht nur den Bau von Brunnen in Äthiopien oder einem anderen Land Afrikas zu unterstützen. Auch in Deutschland sieht der Stifter und Fußballer Potential für seine Stiftung, zum Beispiel in der Bildung. „Selbst unter unseren Spendern merkt man, wie Sprache und Mentalität bis heute kolonialistische Artefakte mit sich tragen.“ Sich der eigenen Verantwortung bewusst zu sein und mit dem Privileg richtig umzugehen, in einem reichen Land aufgewachsen zu sein, dafür will Subotic mit seiner Stiftung in Zukunft mehr Aufmerksamkeit schaffen.

Info

25 von 34 Partien bestritt Innenverteidiger Neven Subotic in der Bundesligasaison 2011/12 für Borussia Dortmund. Mit 81 erzielten Punkten am Ende der Spielzeit verteidigte der BVB nicht nur die Meisterschaft, sondern stellte einen neuen Bundesliga-Rekord für die Anzahl der gewonnenen Punkte auf. Auch im DFB-Pokal waren die Schwarz-Gelben nicht zu schlagen. Im Finale setzten sie sich mit 5:2 gegen den FC Bayern München durch.

Für seine persönlichen Pläne nach dem Profifußball kann sich der Verteidiger vorstellen, sich für den Sektor einzusetzen, zumal er sich mittlerweile in die komplexen Stiftungsstrukturen eingearbeitet hat. Er möchte seine Zeit sinnvoll nutzen, will viel mehr aktiv in die operative Stiftungsarbeit involviert sein. Nach Afrika reisen und mitwirken. „Und wenn wir weitere Herausforderungen angehen können, dann machen wir das. Und wenn wir bei etwas scheitern, kommunizieren wir das auch“, sagt er.

Die Arbeit in der Stiftung sei für ihn jetzt schon lebensbestimmend, sagt der 32-Jährige und erzählt, wie das kleine Team von ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeitern sowie die Spender zu einer großen Familie wurden: „Wir sehen die Projekte und können schon jetzt zurückblicken auf das, was wir erreicht haben. Das ist ein so erfüllendes Gefühl. Wir glauben nicht gleich, wir denken nicht gleich, aber wir handeln mit demselben Ziel.“ Darauf möchte man fast erwidern: Ein bisschen wie bei einer gut abgestimmten Fußballmannschaft.

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