Jenny De la Torre Castro ist Ärztin und Stiftungsgründerin. In ihrem Gesundheitszentrum in Berlin-Mitte behandeln sie und ihr Team Obdachlose. Für ihr Engagement hat sie den Deutschen Stifterpreis 2015 erhalten.

Jenny De la Torre Castro ist Ärztin und Stiftungsgründerin. In ihrem Gesundheitszentrum in Berlin-Mitte behandeln sie und ihr Team Obdachlose. Für ihr Engagement hat sie den Deutschen Stifterpreis 2015 erhalten.
von Christine Bertschi

 

In den Patientenakten im Gesundheitszentrum der Jenny De la Torre Stiftung stehen meist zwei Abkürzungen: OFW – ohne festen Wohnsitz, und OKV – ohne Krankenversicherung. Jenny De la Torre Castros Patienten sind obdachlos, manche erst seit kurzem, andere schon viele Jahre. Die Ärztin spricht mit unglaublich viel Liebenswürdigkeit und Verständnis über ihre Patienten: „Manchmal schläft hier jemand ein in der Dusche, weil er so müde ist“, erklärt sie und lächelt. Alles ist in ihrem Gesundheitszentrum durchdacht: die Spiegel im Bad sind bruchsicher, die Toilettentüren öffnen sich nach außen, jeder Mitarbeiter hat einen Schlüssel dabei, um schnell zu Hilfe eilen zu können.

Manchmal sei Ruhe, dann plötzlich wieder Sturm – wann die Obdachlosen sich entschließen, das Zentrum aufzusuchen, sei schwer vorhersehbar. „Im Sommer sind es mehr, weil viele auf Wanderung sind. Und im Winter häufen sich die Fälle bei Kälte“, erklärt die Ärztin. Täglich werden etwa 50 bis 80 Menschen im Gesundheitszentrum behandelt und betreut. Auf drei Stockwerken befinden sich neben der Arztpraxis auch Friseurin, Rechtsanwalt, Zahnärztinnen, Sozial- und Suchtberatung, Küche und Speiseraum, Kleiderkammer und ein Fotograf. Die neun Festangestellten werden durch Ehrenamtliche und Fachkräfte unterstützt, die pro bono arbeiten – von der Wäscherin bis zum Rechtsanwalt.

Zur Rundum-Versorgung im Gesundheitszentrum gehört auch, Feste zusammen zu feiern: das Essen wird vom Marriott-Hotel gesponsert. Einige Obdachlose kommen nur zum Essen und verschwinden gleich wieder. Klaustrophobie oder auch Süchte seien die Gründe, so De la Torre. „Frau Doktor, der Durst!“, erklärte ihr kürzlich ein Patient hinter vorgehaltener Hand, Alkohol ist auf dem Gelände verboten. Auch ehemalige Patienten schauen zu solchen Anlässen gerne vorbei: stolz zeigen sie den Schlüssel zur eigenen Wohnung oder erzählen von ihrem Job. „Das sind Momente, da sehe ich, unsere Anstrengung hat sich gelohnt“, erklärt die Ärztin und strahlt. Hinter dem Schreibtisch am Empfang hängen ein paar Fotos an der Pinnwand: „Den kenn ich doch“, wundern sich die Patienten dann. „Ja, denn kennen Sie, der hat 15 Jahre auf der Straße gelebt und hat jetzt eine Wohnung! Wenn er das geschafft hat, schaffen Sie es doch auch!“, motiviert das Team der Gesundheitszentrums seine Patienten.

De la Torre

Dr. Jenny De la Torre Castro erhält am 8. Mai den Deutschen Stifterpreis 2015.

Jenny De la Torre ist mehr als „nur“ Ärztin. Um die Menschen in ein Leben mit Wohnung und Job – oder wenigstens in einem Wohnheim – zurückzuführen, verfolgt sie ein ganzheitliches Konzept. Wenn ihr jemand sagt, dass die Straße sein Zuhause sei und er sich da wohl fühle, glaubt sie ihm nicht. „Da stecken ganz viele Ängste dahinter. Es ist nicht immer leicht, den Grund zu erkennen. Doch manchmal reicht ein Hinweis, zum Beispiel dass wir hier vier Rechtsanwälte haben, und man diesen Dienst auch nutzen soll“, erzählt De la Torre. So konnte kürzlich ein Patient seine Gefängnisstrafe in Sozialstunden umwandeln – und bekam danach prompt eine Festanstellung.

Es gebe Fälle, die hoffnungslos erscheinen: „Da denke ich, oh nein, jetzt müssen wir schon wieder vorne anfangen!“, erzählt die Stiftungsgründerin. Viele Krankheiten könne sie zwar behandeln, doch wer auf der Straße bleibt, leide immer wieder unter den gleichen Erkrankungen. Manche Patienten kommen jahrelang fast täglich, das verlangt vom Team viel Geduld. „Wir müssen versuchen, die Menschen zu stärken, sie nie aufzugeben“, so De la Torre. Und man müsse sich bewusst sein: „Ich werde sein Leben nicht in 24 Stunden ändern können, dafür braucht es auch seine eigene Bereitschaft.“

Im Garten hinter dem Gesundheitszentrum können sich die Obdachlosen ausruhen, Stress abbauen. „Gestern waren alle im Garten und lagen auf der Wiese“, freut sich die Stiftungsgründerin.

In den 1980er Jahren kam De la Torre nach Deutschland um Medizin zu studieren – mit dem Ziel, zuhause in Peru den Ärmsten den Armen zu helfen. Doch es kam anders: die Anerkennung ihres Diploms in ihrer Heimat hätte mehrere Jahre gedauert: „Ich konnte doch nicht so lange warten, ich wollte arbeiten, helfen!“, erinnert sich die Kinderchirurgin. Durch ein Projekt der Ärztekammer begann sie am Berliner Ostbahnhof mit Obdachlosen zu arbeiten. Doch budgetiert waren damals nur Gehaltskosten, für Arbeitsutensilien und Medikamente ging die junge Ärztin auf Spendensuche. „Damals dachte ich, es wäre doch schön, wenn uns jemand über länger unterstützen würde, sowas wie eine Stiftung“, erzählt sie. Ihre Google-Recherche ergab jedoch, dass es keine Stiftung in dem Bereich gab. „Dann hab ich ein paar reiche Leute gefragt, aber die wollten auch nicht helfen“, erinnert sie sich. 2002 ging ihr Traum in Erfüllung, mit dem Preisgeld der „Goldenen Henne“ konnte sie ihre eigene Stiftung gründen. Das Haus in Berlin-Mitte bekam sie von der Stadt für zehn Jahre mietfrei, mit viel Ehrenamt und Pro-Bono-Einsätzen baute die Stiftung ein Gesundheitszentrum daraus. Mittlerweile gehört das Haus der Stiftung, „eigentlich den Obdachlosen, wie ich immer sage“, ergänzt De la Torre.

Angewachsene Socken und Blumenbilder
Von angewachsenen Socken mit Maden in den Füßen, amputationsreifen Fingern und schlimmen Ausschlägen ist die Rede, wenn Jenny De la Torre Castro von ihrer Arbeit erzählt. Auf ihrem Schreibtisch liegt eine Kamera, sie dokumentiert die Krankheiten und zeigt die Fotos. Zwischen Nahaufnahmen von geschundenen Körpern kommen immer wieder Fotos von Blumen und dem Garten des Gesundheitszentrums: „Die mache ich extra, sonst würden es meine Frauen beim Runterladen auf den Computer nicht aushalten! Ein bisschen Erholung zwischendurch muss sein“, erklärt die Stiftungsgründerin lächelnd.

Das Schönste bei der Arbeit ist für Jenny De la Torre Castro die Unterstützung, die sie von allen Seiten erfährt: „Man macht das nicht alleine. Der Preis gehört allen, die uns mit Mitgefühl, Fachwissen und Spenden unterstützen.“ Heute Mittag ist es endlich so weit. De la Torre wird den Deutschen Stifterpreis im Konzerthaus Karlsruhe entgegennehmen.

www.delatorre-stiftung.de

Aktuelle Beiträge

Alles Wichtige für Entscheider aus dem Stiftungswesen - Kompetent und unabhängig - Jeden Monat neu
NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN
Alles Wichtige für Entscheider aus dem Stiftungswesen - Kompetent und unabhängig - Jeden Monat neu
NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN