Richard Oetker weiß, was es bedeutet, Opfer zu sein. Denn er wurde als Student entführt und schwer verletzt. Heute ist er Vorstandsvorsitzender der Weißer-Ring-Stiftung. Gemeinsam mit dem gleichnamigen Verein hilft die Stiftung Opfern von Straftaten und leistet Kriminalprävention.

Dass er zum Opfer wurde, ist 45 Jahre her – Rachegefühle habe er nicht, sagt Richard Oetker, Urenkel des Unternehmensgründers August Oetker. Er wurde 1976 entführt. Der Täter sperrte den damals 25-Jährigen in eine Holzkiste: 1,45 Meter lang, 70 Zentimeter breit. Oetker musste zwei Tage in Embryohaltung verbringen. Er ist ein großer Mann: 1,94 Meter. „Ich war 47 Stunden eingesperrt, bin unter Strom gesetzt worden und habe starke Verletzungen davon getragen“, zählt Oetker auf. Er hat schon häufig Journalisten von seiner Entführung berichtet. Der Täter stellte eine Lösegeldforderung über 21 Millionen D-Mark und ließ sein Opfer schwerverletzt in einem Kofferraum zurück, als er das Geld entgegennahm. Richard Oetker ist bis heute gehbehindert. Er habe sehr lange mit den Folgen zu kämpfen, habe sehr viele Krankenhausaufenthalte und Operationen gehabt, erzählt er.

Richard Oetker ist Vorstandsvorsitzender der Weißer-Ring-Stiftung. Foto: Dr. August Oetker Nahrungsmittel KG

Mit der Frage, was das Opferdasein bedeutet, hat Oetker sich fast ein halbes Jahrhundert auseinandergesetzt. „Dass man Opfer einer Straftat geworden ist, heißt zunächst einmal, dass ein anderer Mensch von außen in das eigene Leben eingegriffen hat“, sagt er. Was das für den Einzelnen bedeute, hänge sicherlich von der Schwere des Verbrechens ab. Die Reaktion der Gesellschaft sei aber häufig gleich: „Aus meiner Erfahrung tun sich die Menschen schwer, mit Opfern umzugehen.“ Welche Art Opfer sei dabei egal – ob Unfall, schweres Schicksal oder Straftat. „Die Gefahr besteht darin, dass die Gesellschaft Opfer isoliert, denn der Mensch umgibt sich nicht gern mit klagenden Menschen.“ Dann müsse das Opfer alleine mit der seelischen Belastung umgehen.

Bei ihm selbst habe es zwei Jahre gedauert, bis er wieder in den Alltag zurückgekommen ist, sagt Oetker. „Meine Hüften waren beide gebrochen, man hat zuerst versucht, sie zu retten, aber es gelang nicht.“ Anschließend bekam er künstliche Hüften. „Da musste ich wieder laufen lernen.“ Er hatte aber das große Glück, eine große Familie, einen großen Freundeskreis und ein Unternehmen im Hintergrund zu haben, schildert Oetker. Andere haben das nicht. „Durch meine eigene Erfahrung wurde mir klar, dass es wichtig ist, Unterstützung zu bekommen, um in den Alltag zurückzukehren.“ Mitte der 1980er Jahre trat er dem Verein Weißer Ring bei, der Kriminalitätsopfer unterstützt. Von 2010 bis 2017 stand er an der Firmenspitze des Familienunternehmens – als persönlich haftender Gesellschafter der Dr. August Oetker KG und als Vorsitzender der Geschäftsführung der Dr. Oetker GmbH. Heute ist Richard Oetker Vorstandsvorsitzender der Weißer-Ring-Stiftung und Beiratsvorsitzender in mehreren Unternehmen der Oetker-Gruppe.

Unterstützung durch Aufmerksamkeit

Der 1976 gegründete gemeinnützige Weißer-Ring- Verein finanziert sich durch Spenden, Mitgliederbeiträge und Nachlässe. Wie lange das finanziell ausreiche, wisse man nicht, gibt Oetker zu bedenken. Die Stiftungsgründung 2012 sei ein wichtiger Schritt gewesen, um die langfristige Finanzierung des Vereins zu gewährleisten. Der Verein hat rund 45.000 Mitglieder und 2.900 ehrenamtliche Helfer. Neben der telefonischen Beratung können Opfer von häuslicher Gewalt, Stalking, Diebstahl und anderen Verbrechen Betreuer vor Ort in 400 Außenstellen aufsuchen. Die Ehrenamtlichen hören den Opfern in erster Linie zu, sie begleiten die Betroffenen aber auch zu Terminen bei Gericht oder Polizei und bieten finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten an. Sofern es notwendig ist, vernetzt der Weiße Ring Opfer mit Fachleuten wie Rechtsanwälten und Psychologen. So hat der Verein im Jahr 2019 rund 28.000 Opferfälle betreut. Zusätzlich leistet der Verein Präventionsarbeit, um zu verhindern, dass Menschen überhaupt zum Opfer werden. Die Weißer-Ring-Stiftung verfolgt eigene Projekte, die über die direkte psychologische und finanzielle Opferhilfe hinausgehen: Kriminalprävention, Forschung auf den Gebieten der Kriminologie und Viktimologie sowie Aus- und Weiterbildung von Kriminalitätsopferbetreuern sind Stiftungszweck.

Die Stiftung hat etwa die No-Stalk-App entwickelt, eine Art digitales Tagebuch. Die App wurde bei der Google.org Impact Challenge 2018 als Leuchtturmprojekt ausgezeichnet und gewann ein Preisgeld von 250.000 Euro. Mit der No-Stalk-App können Stalking-Opfer die Handlungen ihrer Peiniger dokumentieren, um juristisch dagegen vorzugehen. Die Stiftung hofft, dass Taten dadurch häufiger zur Anzeige gebracht werden. „Ein großes Problem ist, dass viele Opfer aus Scham nicht über das Verbrechen sprechen“, sagt Richard Oetker. „Sie denken, sie hätten die Tat selbst verschuldet, vielleicht die falschen Freunde gehabt, die falschen Signale gesendet.“

Das Opfer im Fokus

Andere können wiederum nicht auf ihr Schicksal aufmerksam machen: Aufklärung, Information und Beratung erreichen etwa Hörgeschädigte häufig nicht. Ein weiteres Projekt der Stiftung ist daher die Entwicklung einer Seminarreihe zur Schulung von ehrenamtlichen Opferhelfern, um gezielt Menschen mit Hörbehinderung zu helfen. Der Weißer-Ring-Verein und die gleichnamige Stiftung wollen das Opfer in den Vordergrund stellen. „Meiner Ansicht nach wird immer noch zu intensiv der Täter thematisiert“, sagt Oetker, „vor allem, wenn das Verbrechen spektakulär ist.“ Über Mobbing und Stalking würde beispielweise weniger und meistens allgemein berichtet werden. „Täter sitzen ihre Strafe ab und werden resozialisiert – wenn sie überhaupt verurteilt werden“, gibt Oetker zu bedenken. Viele Betroffene hätten aber mit psychischen Folgen zu kämpfen, manche seien ihr Leben lang Opfer. Einen Forschungsauftrag zum Thema „Belastungen von Opfern in Ermittlungsverfahren“ hat die Stiftung 2015 an ein Forschungsteam der Universitäten Heidelberg und Gießen sowie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim vergeben. Das Ziel der Studie: die mit dem Ermittlungsverfahren verbundenen Belastungen von Kriminalitätsopfern und deren Erwartungen an das Verfahren zu dokumentieren.

„Ich habe nicht die Frage nach dem Warum gestellt.“ Richard Oetker

„Der Grad der Belastung ist für Betroffene immer individuell“, sagt Richard Oetker. „Manche fragen sich länger: ‚Warum bin ich Opfer?‘ und sehen eine Ungerechtigkeit. Bei mir war das anders.“ Den Gedanken, dass die Gesellschaft ungerecht mit ihm umgehe, habe er selbst nach seiner Entführung überhaupt nicht gehabt. „Ich habe nicht die Frage nach dem Warum gestellt“, erzählt Oetker. Die größte Belastung sei die Ungewissheit gewesen, als noch nicht feststand, wer ihm das Verbrechen angetan hatte. „Die Polizei hat damals gesagt, ich dürfte niemanden als Täter ausschließen, auch nicht Freunde und Familie.“ Für ihn sei deshalb das Wichtigste gewesen, dass das Verbrechen aufgeklärt würde. Was eine gerechte Strafe bedeute, sei ebenfalls in jedem Fall unterschiedlich, sagt Oetker. „Ich habe mir nur gewünscht, dass ein Strafmaß gefunden wird, das Nachahmungstäter abschreckt.“ Er habe aber auch großes Glück gehabt: dass er weder Rachegefühle noch Hass entwickelt habe. „Ich könnte heute nicht besser laufen, wenn der Täter eine schlimmere Strafe bekommen hätte“, reflektiert Oetker. Sein Entführer hat ab 1980 eine Haftstrafe von 15 Jahren abgesessen und ist heute wieder auf freiem Fuß.

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