Unabhängigkeit als Stiftungsauftrag

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„Zivilgesellschaft ist der Raum, in dem Menschen und nichtstaatliche Institutionen Verantwortung für das Gemeinwohl übernehmen“, sagte Simon Haug, Personalchef der Unternehmensgruppe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) und Geschäftsführer der Fazit-Stiftung, jüngst im Podcast „Stiftophon – zugehört“. Seine Doppelrolle beschrieb Haug pragmatisch: Er sehe Synergien und empfinde sie nicht als besondere Herausforderung. Er könne die Perspektive wechseln und Kontakte für beide Aufgaben nutzen.

Auch die Rolle der Stiftung sei eine doppelte, sagte Haug. Zum einen solle sie die Unabhängigkeit der F.A.Z. nach innen und nach außen sichern. Zum anderen sei es Aufgabe der Stiftung, dass die Erträge, die die F.A.Z. an die Stiftung ausschütte, für gemeinnützige Zwecke ausgegeben werden. Die Förderschwerpunkte der als gemeinnützige GmbH organisierten Stiftung lägen in Wissenschaft, Journalismus sowie Kunst und Kultur im Rhein-Main-Gebiet.

Schutz vor äußeren Einflüssen

Die Gründungsidee der Fazit-Stiftung gehe zurück ins Jahr 1959 – zehn Jahre nach Erscheinen der ersten F.A.Z.-Ausgabe. Man habe damals ein Fazit aus der bisherigen Entwicklung ziehen wollen. „Daher kommt auch der Name der Stiftung“, sagte Haug. Die Zeitung sei Ende der 1950er Jahre wirtschaftlich stabil gewesen. Diesen Erfolg habe man genutzt, um sie dauerhaft vor dem Einfluss von Regierungen, Parteien oder Interessengruppen zu schützen. Der Kern sei gewesen, „die publizistische Freiheit auf freiheitlich-staatsbürgerlicher Grundlage für die Zukunft zu sichern, zu zementieren“.

Simon Haug ist Personalchef der Unternehmensgruppe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Geschäftsführer der Fazit-Stiftung. Foto: F.A.Z.

Warum die Rechtsform einer gemeinnützigen GmbH? Eine Stiftung nach bürgerlichem Recht habe aus Sicht der Gründer den Nachteil einer staatlichen Aufsicht: „Die Stiftungsaufsicht spielt immer eine Rolle, und das wollte man damals umgehen“, so Haug. Man sei damals sehr kritisch gegenüber staatlichen Institutionen gewesen. „Die Erfahrungen aus der NS-Vergangenheit haben dabei eine Rolle gespielt.“ Gleichzeitig biete die gGmbH die nötige unternehmerische Flexibilität, ohne den gemeinnützigen Charakter zu gefährden.

Etwa 94 Prozent der Anteile an der Zeitung besitzt die Stiftung. „Die restlichen sechs Prozent halten die vier aktiven Herausgeber“, sagte Haug. Operativ greife die Fazit-Stiftung aber nicht in den Medienbetrieb ein. Haug beschrieb das Modell als Eigentümer- und Ertragslogik: Hinter dem Konstrukt stehe die Idee des Verantwortungseigentums. Der Blick der Stiftung sei dabei ein langfristiger. Sie wolle, dass die F.A.Z. dauerhaft erscheinen könne. Gewinnmaximierung spiele für den Stiftungsgedanken keine Rolle.

Diese Eigentümerstruktur solle die Unabhängigkeit der Zeitung über zwei Faktoren sichern. Durch die Konstruktion könne erstens gewährleistet werden, dass keine externen Interessengruppen Einfluss als Eigentümer nähmen. Zweitens solle eine sorgfältige Auswahl des Kuratoriums sicherstellen, dass der innere Einfluss auf die Stiftung verantwortungsvoll genutzt werde. „Das ist ein ganz wesentliches Kriterium“, sagte Haug. Die Mitglieder des Kuratoriums seien Treuhänder der Stiftung.

Info

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Überblick

Die Erstausgabe der Tageszeitung erschien am 1. November 1949.

Zehn Jahre nach der Gründung der Zeitung wurde die Fazit-Stiftung ins Leben gerufen. Sie hält 94 Prozent der Anteile der Zeitung.

Am 30. September 2001 erschien die erste Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Ein besonderes Merkmal der F.AZ. ist das Herausgeberprinzip: Die Zeitung wird nicht von einem einzelnen Chefredakteur, sondern von einem Herausgebergremium geführt.

Laut Verlagsangaben entfielen zum Ende des 1. Quartals 2024 rund 273.000 von insgesamt 497.200 Abonnements auf digitale Produkte.

Nach eigenen Angaben erreicht die F.A.Z. täglich 818.000 Leserinnen und Leser (AWA 2025).

Für die F.A.Z. arbeiten mehr als 350 Redakteurinnen und Redakteure. Außerdem verfügt sie über fast 90 Inlands- und Auslandskorrespondenten. Insgesamt arbeiten für die Frankfurter Allgemeine über 800 Menschen.

Die Auswahl der Kuratoriumsmitglieder erfolge laut Haug durch Kooption: „Die Kuratoren wählen neue Mitglieder des Gremiums hinzu.“ Entscheidend seien Personen, „die unserer Idee der Unabhängigkeit verbunden sind“. Mitglieder im Kuratorium seien etwa Ulrich Wilhelm, ehemaliger Intendant des Bayerischen Rundfunks und früherer Regierungssprecher von Angela Merkel, sowie Jens Weidmann, ehemaliger Präsident der Deutschen Bundesbank, und Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach. Mit Peter Huber und Monika Hermanns seien zudem zwei ehemalige Bundesverfassungsrichter Mitglieder im Kuratorium.

Wissenschaft, Journalismus, Kunst und Kultur

In der Förderpraxis arbeite die Stiftung laut Haug entlang von drei Säulen: „Wissenschaftsförderung“, „Journalismus und Medienkompetenz“ sowie „Kunst- und Kulturförderung“. Besonders hob er die Journalismusförderung hervor. Mit der Stiftung wolle man junge Menschen an den Journalismus heranführen, Medienkompetenz stärken und Stipendien vergeben.

Als Beispiel nannte Haug das Projekt „Jugend schreibt“: Die F.A.Z. bietet dabei gemeinsam mit dem medienpädagogischen Izop-Institut eine Lese- und Schreibwerkstatt an, in der Schülerinnen und Schüler eigene Texte erarbeiten. Ausgewählte Beiträge werden anschließend in der F.A.Z. veröffentlicht. Das Kuratorium kontrolliere und begleite die Fördertätigkeit, sagte Haug. „Aus dem Gremium kommen viele gute Impulse.“ Die operative Leitung liege jedoch bei der Geschäftsführung.

Blick nach Skandinavien

International verortete Haug vergleichbare Modelle vor allem in skandinavischen Ländern. Dort sei es verbreiteter, dass Medienunternehmen von Stiftungen gehalten würden, sagte er. Teilweise seien diese bei der Fördertätigkeit stärker auf Journalismus fokussiert und fungierten eher als Thinktank – etwa mit Studien zur Medienwahrnehmung oder mit Formaten, die Startups, Journalisten und Zivilgesellschaft zusammenbringen.

Für die kommenden Jahrzehnte sieht Haug zwei Herausforderungen, die er unmittelbar aus dem Stiftungszweck ableitet. Beim Zweck der Wahrung der Unabhängigkeit der F.A.Z. komme „ein fast schon epochaler Wandel“ auf das Haus zu – „durch die Digitalisierung und vor allem jetzt auch durch die Veränderungen, die mit der KI einhergehen“. Die Unabhängigkeit müsse dabei neu austariert werden, auch unter den Bedingungen eines wirtschaftlich arbeitenden Unternehmens.

Die zweite Herausforderung betreffe die Stiftungsarbeit im engeren Sinne. Die Fazit-Stiftung müsse klären, welche Rolle sie künftig in der Stiftungslandschaft einnehmen wolle. Damit verbunden seien strategische Fragen nach der eigenen Entwicklungsrichtung: „Wo wollen wir hingehen? Was sind Projekte, die wir für sinnvoll erachten, die wir gerne unterstützen wollen? Welche Schwerpunkte wollen wir setzen?“

Dieser Text basiert auf einer Folge unseres Podcasts „Stiftophon – zugehört“ vom 14. April 2026. Wenn Sie mehr über das Thema erfahren möchten, gelangen Sie hier zur Folge.

Tobias Müller ist Redakteur bei DIE STIFTUNG. Er hat Friedens- und Konfliktforschung sowie Journalismus in Frankfurt am Main und Darmstadt studiert. Als Werkstudent arbeitete er für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Im Anschluss folgte eine Tätigkeit als Onlineredakteur beim Magazin Chrismon.