Zwischen Erhalt und Verlust

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Denkmalschutz erschöpft sich nicht im Erhalt von Kirchen, Schlössern oder Rathäusern. „Heute haben wir oft zum Beispiel technische Denkmale, die über Produktionsgeschichte oder Frühindustrialisierung berichten“, sagte Steffen Skudelny, Vorstand der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, im Podcast „Stiftophon – zugehört“. Hinzu kämen Denkmale, die über Lebensverhältnisse und Arbeitsverhältnisse von Menschen berichten, ebenso wie Zeugnisse der Verkehrsgeschichte.

Die Stiftung versteht ihre Aufgabe dabei nicht als Förderung einiger weniger Prestigeobjekte. „Wir sehen uns nicht so sehr als eine Leuchtturmstiftung, die immer nur in Zentren und an den touristischen Hotspots tätig ist“, sagte Skudelny. Vielmehr wolle man Denkmale überall da, wo wir uns im Lande befinden, fördern. Gerade in Gegenden, die man sonst vergisst, gebe es oft wundervolle Denkmalbestände.

Skudelny zeichnete ein zwiespältiges Bild der Lage des Denkmalschutzes in Deutschland. Einerseits sei das Interesse an historischen Bauten nach wie vor bei den Menschen sehr groß. Als Beispiel verwies er auf den Tag des offenen Denkmals, bei dem sowohl die Zahl der teilnehmenden Objekte als auch die Besucherzahlen stiegen. Andererseits nehme die politische Unterstützung nach seiner Wahrnehmung ab. Die Denkmalpflege werde mitunter zum Prügelknaben, wenn es um (scheinbare) Entbürokratisierung gehe.

Gegenentwurf zu kurzlebigen Konsummustern

Gerade diese Kritik verbindet Skudelny mit einem grundsätzlichen Plädoyer für den Erhalt historischer Substanz. Denkmale stünden für ein Prinzip, das heute wieder an Bedeutung gewinne: „Pflege und Wartung vor dem Prinzip Wegwerfen und neu herstellen.“ Historische Gebäude, die über Jahrhunderte instandgehalten und weitergenutzt worden seien, bildeten damit aus seiner Sicht auch einen Gegenentwurf zu kurzlebigen Bau- und Konsummustern.

Geprägt wurde die 1985 gegründete Stiftung, so schilderte es Skudelny, vor allem durch die Jahre nach der Wiedervereinigung. „Damals hat sich eine riesige Solidaritätsbewegung entwickelt, weil in den östlichen Bundesländern viele gefährdete Denkmale auf Unterstützung angewiesen gewesen waren.“ Diese Erfahrung liege stark in der DNA der Stiftung.

Steffen Skudelny ist Vorstand der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Foto: Bettina Koch

Die besondere Dynamik der Nachwendejahre ist nach Skudelnys Einschätzung inzwischen abgeflaut, nicht zuletzt durch den Generationswechsel. Neue Impulse für den Denkmalschutz sieht er vor allem im Nachhaltigkeitsgedanken: Bewahrenswerte Substanz weiter zu nutzen, gewinne an Bedeutung. Zugleich hofft er auf neue Aufmerksamkeit für den ländlichen Raum, auch durch mobile Arbeitsformen.

Neben der Förderung einzelner Objekte setzt die Stiftung stark auf Vermittlung. Skudelny sprach von einer 360-Grad-Denkmal-Bewusstseinsbildung. Dahinter steht die Überzeugung: „Wenn man über einen Gegenstand viel weiß, dann beginnt man, eine Beziehung mit diesem Gegenstand aufzubauen.“ Wissen solle deshalb Wertschätzung erzeugen – von der Schule bis in die Fachwelt hinein.

Zu diesem Ansatz gehören verschiedene Programme. So etwa das Schulprogramm „Denkmal aktiv“, mit dem Kinder und Jugendliche an Kultur und Denkmalschutz herangeführt werden. Hinzu kämen etwa die Denkmalakademie mit Fortbildungsangeboten zu aktuellen Fragen rund um Sanierung und Bestandserhalt sowie Jugendbauhütten. Diese knüpfen an den historischen Gedanken der Bauhütten an, also an Orte gemeinschaftlicher Arbeit an großen Bauvorhaben. Im heutigen Format gehe es darum, dass junge Menschen in einem freiwilligen sozialen Jahr konkrete Projekte gemeinsam voranbringen. Daraus könne eine besondere Bindung entstehen. Bei Jubiläen kämen ehemalige Teilnehmende wieder und sagten dann: „Diese Steine habe ich gemacht“ oder „diesen Putz habe ich gemacht“. Daran erkenne man, wie stark die Bindung sei und wie groß der Respekt vor historischer Bausubstanz werde.

Verluste sichtbar machen

Ein relativ neues Instrument der Stiftung, um auf das Thema Denkmalschutz aufmerksam zu machen, ist das „Schwarzbuch der Denkmalpflege“. Hintergrund sei die Beobachtung gewesen, dass viele Menschen annähmen, Denkmalschutzgesetze verhinderten bereits hinreichend, dass Schäden an Denkmalen entstünden. „Die erste erstaunliche Feststellung ist, bundesweit wird gar nichts erfasst“, sagte Skudelny. Mit dem Schwarzbuch wolle die Stiftung deshalb Verlustmuster sichtbar machen, problematische Fälle dokumentieren und zugleich positive Gegenbeispiele aufzeigen. Es solle Mahnung, aber auch Lösungsweg zugleich sein.

Als prägnantes Beispiel nannte Skudelny das Generalshotel in Berlin-Schönefeld. Das nach dem Zweiten Weltkrieg errichtete Gebäude sei ein völlig intaktes Empfangs- und Aufenthaltsgebäude gewesen, ein künstlerisches, wertvolles Baudenkmal, das trotz aller Warnungen abgerissen worden sei. Gerade solche Fälle zeigten aus seiner Sicht, wie real die Gefahr des Verlusts sei – und dass Denkmalschutzgesetze allein diesen Verlust nicht automatisch verhinderten.

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Finanziert wird die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, deren Eigenkapital laut Bundesverband Deutscher Stiftungen rund 250 Millionen Euro beziffert, nach Skudelnys Darstellung vor allem privat. „Wir werden nicht institutionell von der öffentlichen Hand gefördert“, sagte er. „Wir leben weitgehend von Spenden und Erträgen aus Zuwendungen in den Vermögensstock.“ Hinzu komme ein Anteil an den Überschüssen der Lotterie Glücksspirale. Dass die Einnahmen in den vergangenen Jahren gestiegen seien, wertet er als Zeichen dafür, dass viele Bürger die Gefährdung historischer Bausubstanz wahrnähmen und unterstützen wollten.

Eine wichtige Rolle spielten auch die Treuhandstiftungen unter dem Dach der Stiftung. Sie ermöglichten es Stiftern, ihr Vermögen mit einer klaren Zweckbindung einzubringen. Gerade für die dauerhafte Pflege instand gesetzter Objekte sei das ein geeignetes Instrument. Skudelny nannte etwa den Erhalt kleiner Dorfkirchen oder die kontinuierliche Finanzierung von Reparaturen an Fenstern, Türen, Toren oder Reetdächern.

Organisatorisch habe sich die Stiftung deutlich weiterentwickelt. Skudelny verwies auf Satzungsänderungen, mit denen aus einer früher ehrenamtlich geprägten Leitungsstruktur ein Modell mit hauptamtlichem Vorstand und Aufsichtsgremium geworden sei. Das sei Ausdruck gewachsener Anforderungen. Die Stiftung sei in ihrer Anfangszeit eine kleine Initiative mit ganz viel Herz und Bauchgefühl gewesen. Heute müsse sie wegen ihrer Größe und der rechtlichen, kaufmännischen und technischen Anforderungen sehr professionalisiert arbeiten.

Der Erklärungsaufwand steigt

Zu den größten Herausforderungen zählt Skudelny die Vielzahl neuer Regeln und technischer Anforderungen. Europäische Vorgaben, Datenschutz oder die Sicherung sensibler Daten gegen Angriffe von außen bedeuteten erhebliche Kraftanstrengungen. Hinzu komme ein veränderter gesellschaftlicher Kontext. „Der Erklärungsaufwand und der Überzeugungsaufwand steigt“, sagte er. Trotz großer Unterstützung in Teilen der Bevölkerung müssten historische und kulturelle Werte stärker vermittelt werden als früher.

Gleichzeitig sieht er in technischen Entwicklungen auch Chancen für die Denkmalpflege. Neue Verfahren hätten die Untersuchung historischer Substanz stark verändert. „Da haben sich die Erkenntnisse durch Technologie enorm erweitert“, so Skudelny. So könnten etwa Schäden genauer analysiert oder schwer zugängliche Bereiche mit minimalinvasiven Methoden untersucht werden, wo früher größere Eingriffe nötig gewesen seien.

Bei der Frage nach besonders einprägsamen Förderprojekten verweist Skudelny nicht zuerst auf große, bekannte Objekte. „Mich beeindrucken besonders die ganz normalen kleinen Denkmale – ein kleines Bürgerhaus, ein Backhaus, eine Kreuzwegstation, vielleicht auch ein historischer Webstuhl“. Gerade diese Relikte des Alltags, so sein Eindruck, erzählten von Menschen, die keine herausgehobene Position hatten und trotzdem etwas Wundervolles hinterlassen hätten.

Für die Zukunft formulierte Skudelny schließlich ein grundsätzliches Plädoyer für das Bauen im Bestand. Er wünsche sich ein klares Bekenntnis dazu und einen intelligenteren Umgang mit vorhandener Substanz. Die Zukunft liege aus seiner Sicht nicht darin, alles bequem, quadratisch, praktisch und immer gleich zu machen, sondern in der Originalität und Fantasie, Vorhandenes weiter zu nutzen und an heutige Bedürfnisse anzupassen.

Dieser Text basiert auf einer Folge unseres Podcasts „Stiftophon – zugehört“ vom 12. März 2026. Wenn Sie mehr über das Thema erfahren möchten, gelangen Sie hier zur Folge.

Tim Goldau ist Redakteur bei DIE STIFTUNG. Nach einer kaufmännischen Ausbildung und dem Studium der Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Literatur, Kultur, Medien an den Universitäten Marburg und Siegen arbeitete er in der Redaktion eines Außenhandelsverlags.