Ewigkeitskapital auf dem Prüfstand

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Stiftungen stehen für Beständigkeit. Die gesellschaftlichen Herausforderungen, auf die Stiftungen reagieren wollen, verändern sich dagegen rasant. Demografischer Wandel, Klimakrise, politische Polarisierung. Wie gehen Stiftungsverantwortliche mit diesem Spannungsverhältnis um? Auf dem Deutschen Stiftungstag in Hamburg diskutierten Praktiker unter dem Titel „Ewige Bindung, dynamische Welt: Das Paradoxon Stiftung auf dem Prüfstand“. Die Runde war besetzt mit Menschen, die mit diesem Spannungsfeld täglich arbeiten.

Felix Oldenburg, Mitgründer der Philanthropie-Plattform bcause, eröffnete die Diskussion mit einer Diagnose, die im Saal aufhorchen ließ. Größere deutsche Förderstiftungen schütten laut eigenen Daten oft nur etwa ein bis eineinhalb Prozent ihres Kapitals aus. Oldenburg stellte dem die Frage gegenüber, wie viel Stiftungskapital tatsächlich für den Zweck aktiviert werde. Für ihn ist das kein Randproblem, sondern ein grundlegender Zielkonflikt. „Die Kernfrage ist, ob sich das eingesetzte Stiftungsvermögen für die Gesellschaft zur Lösung eines konkreten Problems lohnt“, so Oldenburg.

Er plädierte für deutlich höhere Ausschüttungsquoten – fünf, sechs oder sieben Prozent statt der derzeit sichtbaren Werte – und schlug vor, Stiftungen an ihrer Kapitalwirkungsquote zu messen: Welcher Anteil des Vermögens sei tatsächlich für die Mission aktiviert? Zudem verwies er auf die jährliche Erbschaftswelle von rund 400 Milliarden Euro, aus der sich weit mehr für gemeinnützige Zwecke mobilisieren ließe, als dies bislang der Fall sei.

Mehr Mut in der Kapitalanlage

Dass Stiftungskapital wirkungsorientiert für den Stiftungszweck genutzt werden kann, erläuterte Anne Joachim, Geschäftsleiterin Central Functions der BMW Foundation Herbert Quandt. 18 Prozent des Grundstockvermögens seien aktuell in Venture Capital investiert, mit Schwerpunkt auf Klimaschutz beziehungsweise Energiewende. Die Stiftung verfolge diesen Weg seit zehn Jahren, um Wirkung nicht nur über Programme, sondern auch über die Vermögensanlage zu erzeugen. „Wir wollen aus unserem Budget heraus Innovation ermöglichen und zugleich unser Kapital wirkungsorientiert anlegen“, sagte Joachim.

Für Joachim ist das eine Konsequenz aus dem eigenen Anspruch: Wer gesellschaftliche Transformation unterstützen wolle, müsse auch das Kapital entsprechend denken. Dafür brauche es in Deutschland mehr Mut und Wissen über Wagniskapital als Assetklasse sowie Anpassungen in der Abgabenordnung, die Verluste zuließen, ohne sofort den Kapitalerhalt zu gefährden. Ewigkeit bedeute für sie nicht Unveränderlichkeit.

Einen praktischen Ansatz brachte Sandra Güntner, geschäftsführende Vorständin der Umweltstiftung Greenpeace, in die Runde. Die Stiftung hat Kapital in einen Wald im Thüringer Wald investiert – eine Fichtenmonokultur, die schrittweise in einen widerstandsfähigen Mischwald umgewandelt werden soll. Das Investment zeigt nach Güntners Darstellung, dass Programmatik und Vermögensverwaltung zusammengeführt werden können: Der Wald dient unmittelbar dem Ziel, naturnahe Waldbewirtschaftung in Deutschland konkret zu machen. Außerdem sei es einer ihrer besten Investments: Den Zuwachs des Bodenwerts bezifferte sie auf 97,5 Prozent.

„Stiftungen müssen sich daran messen lassen, wie viel ihres Vermögens tatsächlich für die Mission aktiviert wird.“
Felix Oldenburg, Mitgründer von bcause

Einen anderen Ausgangspunkt beschrieb Christian Meyn, Vorstandsmitglied der Crespo Foundation, die sich für Kunst und Kultur, Bildung und Stärkung der Persönlichkeit einsetzt. Die Stiftung arbeitet mit einem festen Enddatum: In rund 13 Jahren muss das Vermögen aufgebraucht sein. Das stelle das Stiftungsmanagement vor spezifische Herausforderungen – nicht die Anlage stehe im Vordergrund, sondern die geordnete Liquidierung von Assets in einem sinnvollen Rhythmus. Auch operative Fragen, wie man den Betrieb geordnet herunterfahre und wie man mit Organisationen umgehe, die man gern langfristig unterstützen würde, es aber irgendwann nicht mehr könne, gewännen gegen Ende an Gewicht.

Rechtsform Nebensache?

Für Meyn schärft das Enddatum den Blick für das Wesentliche: Womit fange man überhaupt noch an, wenn die verbleibende Zeit begrenzt sei? Die Stiftung suche deshalb gezielt Probleme, die sich in etwa zehn Jahren sinnvoll bearbeiten ließen – etwa das Thema funktionaler Analphabetismus bei Schulabgängern. Grundsätzlich aber mahnte Meyn zur Gelassenheit gegenüber der Frage nach Rechtsformen. Ob Stiftung, gemeinnützige GmbH, Verein oder Treuhandstiftung – entscheidend seien letztlich die Idee dahinter, die Zielsetzung und die Fantasie beim Aufsetzen des philanthropischen Engagements.

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Auf dem Deutschen Stiftungstag in Hamburg diskutierten Chefvolkswirte darüber, ob die Kapitalmärkte kippen. Trotz geopolitischer Spannungen, steigender Ölpreise und eines „China-Schocks“ wirken diese bislang erstaunlich robust. Uneinigkeit herrschte vor allem bei der Frage, ob zusätzliche Staatsschulden die Konjunktur stützen können.

Aus dem Publikum meldete sich Stiftungsberater Karsten Timmer zu Wort. Er beobachtete, dass sich viele Engagierte heute nicht mehr automatisch für die klassische Stiftung entschieden. Wer ein Erbe verwalten und einen Namen bewahren wolle, finde in der Stiftung nach wie vor das passende Instrument. Wer jedoch auf gesellschaftliche Gestaltung abziele, suche sich zunehmend andere Rechtsformen. Dieser Trend laufe, ob einem das gefalle oder nicht. Timmer warnte jedoch vor vorschnellen Schlüssen: Ob Alternativen automatisch effizienter oder das Engagement dadurch besser werde, bezweifle er ausdrücklich. Transparenter werde es jedenfalls nicht – viele dieser Konstruktionen seien kaum auffindbar.

Trägerin eines Vermächtnisses

Ingmar Ahl, Vorstandsmitglied der Karg-Stiftung, verteidigte aus dem Publikum den Kern der klassischen kapitalbasierten Stiftung. Er teile die Kritik an der schwachen Performance vieler Stiftungen ausdrücklich – dass sich mit kluger, langfristiger Sachwertstrategie deutlich mehr als ein bis eineinhalb Prozent erzielen ließen, stehe außer Frage. Den daraus gezogenen Schluss, den unbegrenzten Anlagehorizont als konstitutiven Vorteil der Stiftung grundsätzlich in Frage zu stellen, hielt er jedoch für fahrlässig. Für Ahl ist die Stiftung vor allem Trägerin eines Vermächtnisses: Er sehe sich als unmittelbarer Sachwalter der Eheleute Karg, und diese Verpflichtung könne man nicht einfach beiseiteschieben. Es gebe eine jahrtausendealte Tradition, das Nachleben von Menschen zu organisieren. Viele wählten eine Namensstiftung, weil sie wünschten, dass etwas von ihnen über den Tod hinaus bestehe.

Peter Augustin brachte eine weitere Perspektive ein. Der geschäftsführende Vorstand der Software-AG-Stiftung sehe sich als Treuhänder mit der Pflicht, die Stiftung als handlungsfähiges Instrument zu erhalten – nicht nur für die Herausforderungen von heute, sondern auch für jene in 50 oder 100 Jahren, die ebenso groß sein würden. Gegenüber einem „All-in“-Ansatz, der Kapital möglichst rasch aufbrauche, sei er skeptisch: Was bleibe dann für künftige Generationen?

Dem gegenüber stand die Forderung Oldenburgs: Stiftungen müssten sich daran messen lassen, wie viel ihres Vermögens tatsächlich für die Mission aktiviert werde. Er warb dafür, die Wirkungsquote transparenter zu machen, Ausschüttungen zu erhöhen und auch über Zusammenlegungen oder neue Strukturen nachzudenken. Für ihn ist die Stiftung kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, gesellschaftliche Wirkung zu erzielen.

Tim Goldau ist Redakteur bei DIE STIFTUNG. Nach einer kaufmännischen Ausbildung und dem Studium der Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Literatur, Kultur, Medien an den Universitäten Marburg und Siegen arbeitete er in der Redaktion eines Außenhandelsverlags.