02.10.2019 | Von Die Stiftung

Schweizer sorgen sich um Gemeinwohl

Der Gemeinwohlatlas Schweiz 2019 zeigt: Die Bevölkerung macht sich Sorgen um die Entwicklung des Gemeinwohls und sieht dabei alle Akteure in der Pflicht. Der Dritte Sektor und insbesondere Stiftungen führen die Rangliste an. 

Gemeinwohlatlas
Die Schweizerische Rettungsflugwacht Rega bringt der Schweiz den höchsten gesellschaftlichen Nutzen, so die Umfrageteilnehmer des Gemeinwohlatlas. Foto; Schwizer/pixelio.de

Der Gemeinwohlatlas hat das Ziel, den gesellschaftlichen Nutzen von Unternehmen und Organisationen  zu untersuchen und abzubilden. Hinter dem Projekt stehen die Handelshochschule Leipzig HHL in Kooperation mit dem Zentrum für Führung und Werte in der Gesellschaft der Universität St. Gallen. Der Gemeinwohlatlas erschien 2014 zum ersten Mal, seither wurden sowohl die Stichprobe als auch die Anzahl der untersuchten Organisationen vergrössert. Knapp 15’000 Personen im Alter zwischen 18 und 93 Jahren, die in der deutsch-, französisch- und italienischsprachigen Schweiz leben, wurden befragt. Da die Umfrageteilnehmer nur eine Auswahl der ihnen bekannten Organisationen vorgelegt bekamen, wurde jede der 110 Organisationen von mindestens 800 in der Schweiz lebenden Personen bewertet.

Die Messung des Gemeinwohlbeitrags erfolgte in vier Dimensionen: Aufgabenerfüllung (die jeweilige Organisation leistet im Kerngeschäft gute Arbeit), Zusammenhalt (die jeweilige Organisation trägt zum Zusammenhalt in der Schweiz bei), Lebensqualität (die jeweilige Organisation trägt zur Lebensqualität in der Schweiz bei) und Moral (die jeweilige Organisation verhält sich anständig).

Stiftungen führend

Unter den 23 als „Vereine/Verbände“ klassierten Institutionen finden sich fünf Stiftungen – und diese führen die Rangliste auch an: die Schweizerische Rettungsflugwacht (Rega) auf dem ersten Platz, die von der Schweizer Fach- und Dienstleistungsorganisation für Altersfragen gegründete Stiftung Pro Senectute auf dem dritten, die Schweizer Paraplegiker Stiftung, die sich für Querschnittgelähmte einsetzt, auf dem vierten, die Heilsarmee auf dem zehnten. Auf 14. Platz innerhalb des Dritten Sektors findet sich der WWF, die Schlusslichter sind Fussball(dach)verbände. Im Gesamtrating belegt der Dritte Sektor damit die ersten fünf Plätze. In den Top Ten konnten sich durchweg Institutionen platzieren, deren Leistungsauftrag im Kern auf das Gemeinwohl zielt. Nur zwei öffentliche Unternehmen bekamen nach dem Schweizer Schulnotensystem eine Note über 5,0.

„Wir freuen uns sehr über das grosse Vertrauen, das uns die Schweizer Bevölkerung entgegenbringt, so Rega-Chef Ernst Kohler  gegenüber der Basler Zeitung zum Spitzenrang seiner Organisation. Es sei der Rega ein Ansporn, sich zum Wohl der Patienten auch in Zukunft für die bestmögliche professionelle Hilfe aus der Luft einzusetzen.

Gemeinwohl schrumpft

Die Herausgeber fassen ihre Ergebnisse folgendermaßen zusammen: „Das Gemeinwohl schrumpft. Insgesamt zeigt sich ein Abwärtstrend in den Bewertungen des Gemeinwohlbeitrages von Unternehmen und Organisationen. Zudem macht sich die Bevölkerung noch immer grosse Sorgen um das Gemeinwohl in der Schweiz.“ Letzteres zeigen folgende Zahlen, so die Herausgeber: „73 von 100 Befragten sind besorgt, dass dem Gemeinwohl in der Schweiz zu wenig Beachtung geschenkt wird.“

Auch wenn das Gemeinwohl naturgemäss bei Stiftungen im Vergleich zu Unternehmen anders gewichtet ist und die Kritik nahe liegt, es würden hier Äpfel mit Birnen verglichen – die Schweizer wollen alle in die Verantwortung nehmen: „In der Schweiz stimmten ganze 86 Prozent der Aussage zu, dass privatwirtschaftliche Organisationen eine hohe Verantwortung haben, zum Gemeinwohl beizutragen“, erklärt Eva Echterhoff von der HHL Leipzig Graduate School of Management gegenüber dem Informationsdienst Wissenschaft IDW. Gleichzeitig gaben die Umfrageteilnehmer jedoch an, den Eindruck zu haben, dass Unternehmen dieser Verantwortung nicht nachkämen. Studienleiter Prof. Timo Meynhardt mahnt in dem Zusammenhang: „Führungskräfte sollten ihren Beitrag zum Gemeinwohl ernst nehmen. Eine schlechte Bewertung im Gemeinwohlatlas kann als Warnung interpretiert werden, die genauso viel Aufmerksamkeit benötigt, wie finanzielle Kennzahlen.“

Für Stiftungen als Arbeitgeber dürfte auch folgendes interessant sein: „78 von 100 Befragten würden lieber in einer Organisation arbeiten, die das Gemeinwohl hochhält, auch wenn sie weniger verdienen würden.“

www.gemeinwohl.ch

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