Stiftungen sind in Städten stärker vertreten als auf dem Land. Doch gerade im ländlichen Raum könnte das Erfolgsmodell wertvolle Impulse bringen.

Stadt und Land, so gegensätzlich und doch zugleich so abhängig voneinander. Im Zuge des wachsenden Bewusstseins für Nachhaltigkeit richtet sich das bürgerliche Interesse nicht nur auf unsere Ernährung, sondern auch auf andere durch die Land-, Wasser- und Forstwirtschaft erzeugte Versorgungsprodukte; sei es Holz für die Bauindustrie, Energieträger oder Pflanzenfaser als Plastikersatz. Dabei geht es nicht mehr nur um die Erzeugnisse selbst, sondern auch um die Produktionsprozesse und wer sie wie nachhaltig durchführt.

Urbane Deutungshoheit

Andererseits weht der politische Wind überwiegend aus dem Europäischen Parlament, dem Bundestag und den Landesparlamenten, also aus Städten; folglich ist die Deutungshoheit über viele Themen urban, also städtisch geprägt. Bei der ländlichen Bevölkerung führt das wiederum zum Gefühl, nicht verstanden oder schlimmer, nicht gehört zu werden – übrigens ein durchaus internationales Phänomen. Der aktuelle Bundespräsident hat dieses Gefühl und die Notwendigkeit, alle Teile der Zivilgesellschaft in die Bewältigung der Zukunftsfragen mitzunehmen, mehrfach geäußert.

Die Idee der Bürgerstiftungen, erkannte Missstände angehen zu wollen, weil die öffentliche Hand dies nicht kann oder will, basiert auf dem Grundgedanken des Changemanagements, Betroffene zu Beteiligten zu machen. Angesichts der zahlreichen Vereine und ihrem erfolgreichen integrativen Wirken auf dem Land verwundert es jedoch, dass die Bürgerstiftungen ein eher städtisches Phänomen sind. Dabei wäre der Bedarf gerade dort gewaltig, zumal die Klammerfunktion der Kirchen auch in den ländlichen Gemeinden immer weiter zurückgeht. Warum reichen Vereine also nicht aus? Sie sind nun einmal so individuell geprägt wie ihre Mitglieder und verfolgen partikular ihre Interessen. Dadurch sind sie häufig zu klein, um als Stimme wahrgenommen zu werden, was in logischer Konsequenz zu Zusammenschlüssen in Verbänden führt. Diese haben wiederum eigene Gremien, was ihre Beschlussfassung schon aufgrund des Kommunikationsaufwandes mühsam und langwierig, dabei aber nicht unbedingt immer gerechter macht. Hinzu kommen die Zwänge aus dem Gemeinnützigkeitsrecht, durch Mitgliedsbeiträge und Fundraising akquirierte Mittel zeitnah zu verwenden. Der Aufbau eines Grundstockvermögens, dessen Erträge genutzt werden könnten, ist also kaum möglich.

„Die Stiftung kann eine Themenvielfalt abbilden, die weit über einzelne Vereine hinausreicht.“

Anders bei der Stiftung, die in der Regel nicht nur leichter steuerbar ist, sondern auch eine Themenvielfalt abbilden kann, die weit über einzelne Vereine hinausreicht. Zwei erfolgreiche Bürgerstiftungen könnten als Vorbilder dienen: die Bürgerstiftung Barnim Uckermark und die Bürgerstiftung Pfalz. Beide eint, dass sie aus je einem Kernprojekt heraus gegründet und im Laufe der Jahre um weitere, ganz andere Projekte ergänzt wurden. Beide arbeiten mit der Politik zusammen, ohne dass mit ihnen Politik gemacht wird. Sie bewahren sich ihre Unabhängigkeit, wodurch dem Gefühl „Ihr da oben, wir hier unten“ entgegengewirkt wird. In der Finanzierungsform unterscheiden sie sich wiederum, da das als Mäzen notwendige Großunternehmertum in den östlichen Teilen Deutschlands historisch bedingt fehlt. Zudem spielt es eine Rolle, ob Bürgerstiftungen selbst unternehmerisch tätig sind und dadurch Einnahmen generieren können oder als reine Förderstiftungen unterwegs sind.

Betroffene zu Beteiligten machen

Welche Faktoren könnten nun die Gründung von ländlichen Bürgerstiftungen begünstigen? Gerade im Bereich der Dorfentwicklung wird das Thema Verteilungsgerechtigkeit schnell virulent. Daher erscheint das Drei-Gremien-Modell der Bürgerstiftung Pfalz als Grundstruktur durchaus empfehlenswert: Der Stifterrat, bestehend aus Stifterinnen und Stiftern, die eine bestimmte finanzielle oder zeitliche Spende eingebracht haben, wählt das Kuratorium, das als Aufsichts- und Berufungsgremium des operativ verantwortlichen Vorstands wirkt. Je nach Gestaltung der Satzung ließe sich dem Stiftungsrat die Kompetenz eines „Projektparlaments“ zuweisen, das die Vorschläge des Vorstands entscheidungswirksam oder beratend diskutiert; Betroffene zu Beteiligten machen!

Wie steht es nun um die Finanzierung? Wäre die Idee des „crowd-foundings“ – was in etwa dem deutschen Begriff Massenstiften entspricht – nicht einen Versuch wert? Bei einer Bevölkerungszahl von 100.000 würde ein Beitrag von 100 Euro pro Kopf einen Stiftungsgrundstock von ca. 10 Millionen Euro bilden. Unterstellt man einen Ertrag von zwei Prozent pro Jahr, könnte die Stiftung 200.000 Euro für ihre Projekte einsetzen, jedes Jahr und ohne Fundraising! Daneben könnte die Verwaltung von rechtlich unselbstständigen Stiftungen für regionale Projekte angeboten werden, wie nahezu alle Bürgerstiftungen es tun.

Wie sieht es nun mit den Städtern aus? Laut der Studie des Berlin-Instituts „Digital aufs Land“, die mit Unterstützung der Wüstenrot-Stiftung 2021 erschienen ist, nimmt mit steigender Digitalisierung auch der Umzug eher urbaner Berufsgruppen wie IT-ler, Anwälte, Steuerberater, in die ländlichen Gegenden zu. Auch sie sind von Infrastruktur, Energiewende, Kulturleben, Sozialprojekte, Dorfentwicklung, (politische) Bildung und Naturerhaltung betroffen. Auch sie, die „Zugezogenen“, müssen zu Beteiligten gemacht werden, meint man es mit dem Zusammenhalt der Zivilgesellschaft wirklich ernst.

York Asche
Institutional & Charity Clients Germany
Stellvertretender Direktor,
Bethmann Bank
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Templin, die flächenmäßig größte Stadt des Landkreises Uckermark, wo die Bürgerstiftung Barnim Uckermark aktiv ist.
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