17.08.2020 | Von Stefan Dworschak

Lehren der Coronazeit

Die Gegenmaßnahmen in der Corona-Pandemie haben in kürzester Zeit den Alltag auch der Stiftungen grundlegend verändern. Für den Sektor bedeutet das eine große Belastung. Es gibt aber auch einige positive Aspekte.

Lehren_Corona
Zeichen der Zeit: Auch Stiftungen mussten sich schnell anpassen. Foto: fotoART by Thommy Weiss/pixelio.de

Zu romantisieren gibt es nichts: Die Belastung durch die Coronakrise ist gewaltig. Doch sie zeigt auch, dass der Sektor mit Belastung umgehen kann. 2018 hatte der Bundesverband den Stiftungstag der Digitalisierung gewidmet und appellierte an Stiftungen, deren Chancen zu nutzen. Nun mussten auch Stiftungen – ganz gleich, wo sie gestartet waren – möglichst schnell einen Modus Vivendi für die Pandemie finden. Große Organisationen hatten hier mitunter einen Vorsprung durch ihre Ressourcenvorteile. „Alle Mitarbeitenden hatten bereits vor Verbreitung des Coronavirus die Möglichkeit, regelmäßig von zu Hause aus zu arbeiten“, sagt etwa Esther Dopheide von der Christoffel-Blindenmission Deutschland (CBM). Allerdings brauchen auch große Spieler erst die entsprechenden Werkzeuge, „etwa spezielle Tools, um persönliche Meetings durch Video- oder Telefonkonferenzen zu ersetzen oder um Verträge auch digital unterschreiben zu können“.

„Plötzlich digital“

Für Organisationen, die stark vom Ehrenamt getragen werden, war der Weg mitunter etwas weiter, etwa bei den Bürgerstiftungen. „Die interne Arbeitsorganisation ist das, was Bürgerstiftungen am meisten überrumpelt hat“, sagt Bernadette Hellmann, die als Programm-Leiterin Bürgerstiftungen bei der Stiftung Aktive Bürgerschaft mit ihren Kolleginnen mehr als 400 Organisationen betreut. „Plötzlich musste man digital arbeiten, müssen Gremiensitzungen anders stattfinden. Nicht alle hatten die Voraussetzungen dafür.“ Auch für die Bürgerstiftungen sei die Krise ein Digitalisierungsschub gewesen. Bis dato sei etwa digitales Fundraising bei der Mehrheit noch nicht etabliert.

Während die Folgen aus den Abstandsregeln direkt ins Auge fallen, ist so manche Chance nicht unbedingt direkt zu erkennen. So etwa die Ansprache von Spendern. Für Dopheide bieten die digitalen Formate die Chance, einen weiteren Spenderkreis anzusprechen. „Denn normalerweise laden wir zu Informationsveranstaltungen nur in größere Städte ein, weil wir dort die meisten unserer Spender erreichen. Online-Angebote bieten die Möglichkeit, auch Spender anzusprechen, die in kleineren Orten und abgelegeneren Regionen wohnen.“ Großspender können auf digitalem Wege sogar aus erster Hand von Mitarbeitern etwa aus Äthiopien über Projekte erfahren. In Zeiten, in denen jedes Smartphone eine Streamingkamera ist, sind direkte Kontakte auch für kleinere Organisationen ohne größere Kosten zu bewältigen.

Interne Prozesse beschleunigt

Weniger von außen zu sehen, aber nicht weniger wichtig ist der Umgang mit der internen Bürokratie: CBM habe für neue Projekte, die den negativen Folgen der Corona-Pandemie entgegenwirken, einen beschleunigten Genehmigungsprozess aufgesetzt. „Dieser Prozess, mit dem wir Projekte bewilligen und umsetzen, wird die CBM sicherlich auch auf ihre zukünftige Nothilfearbeit anwenden, etwa bei Überschwemmungen oder Erdbeben“, sagt Dopheide.

Die Frage des Stiftungszwecks und seiner Flexibilität ist eines der Themen der Krise. Hier hat sich gezeigt, wie sehr es nützt, den Stiftungszweck nicht zu eng zu fassen. Die Notlage durch die Pandemie zeigt im Zeitraffer, was dieser Effekt – wenn auch glücklicherweise wohl vorübergehend – bedeuten kann und wie wichtig es ist, die Satzung im Blick zu haben und gegebenenfalls anzupassen.

Die Bürgerstiftung hat diese Flexibilität gewissermaßen in ihrer DNA, wie Hellmann erklärt. Ihr sechstes Merkmal ist laut dem Arbeitskreis Bürgerstiftungen des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen schließlich die Vielfalt. „Bürgerstiftungen verfügen in der Regel über sehr breite Stiftungszwecke, um sich zweckübergreifend zu vernetzen.“ Das habe sich in der Krise bewährt. „Viele Bürgerstiftungen konnten so sehr schnell reagieren, koordinieren häufig die Hilfe vor Ort, richten Spendenfonds zur Corona-Hilfe ein oder bieten ehrenamtlichen Initiativen ein Dach.“

Politische Hürden

Nicht zu beeinflussen sind allerdings widersprüchliche Signale aus der Politik. Stefan Nährlich, Geschäftsführer der Stiftung Aktive Bürgerschaft, nennt das Beispiel der steuerlichen Maßnahmen zur Förderung der Hilfe für von der Corona-Krise Betroffene. Nachdem das Bundesfinanzministerium am 9. April allen gemeinnützigen Organisationen vorübergehend diese Hilfe erlaubt habe – auch wenn entsprechende Zwecke nicht in der Satzung vorhanden sind –, „hob das Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen diese Erleichterung für Stiftungen im Bundesland acht Tage später wieder auf“. Es sei korrekt, dass Gemeinnützigkeitsrecht und Stiftungsrecht zwei verschiedene Rechtsgebiete sind. „Insofern können wir die unterschiedlichen Regelungen nachvollziehen“, sagt Nährlich. „In der Praxis ist das natürlich unsinnig und für die von der Bundesregierung gewollte Erleichterung in Krisenzeiten kontraproduktiv. Da das auch schon 2016 bei der Flüchtlingshilfe so war, sollte man alsbald überlegen, hier zu einer konzertierten Regelung zu kommen.“ Es entstehe durch eine solche Ausnahmeregelung schließlich kein Zwang, „es gibt aber jenen, die das für richtig halten, die Möglichkeit, es rechtssicher zu tun“.

Es seien zwar keine dramatischen Fälle, aber sie „zeigen aber gut, wovon wir zu viel haben: Unnötige Bürokratie und falschverstandenen Föderalismus. Stattdessen sollten meiner Meinung nach Stiftungsrecht und Gemeinnützigkeitsrecht so ausgerichtet sein, dass es bürgerschaftliches Engagement und gemeinnützige Organisationen in ihrem Engagement und ihrer Arbeit unterstützt und ein größtmögliches Maß an Handlungsfreiheit lässt“.

Info

Wie ist die Lage in Ihrer Stiftung? Was sind Ihre Lehren aus der Coronazeit? Schreiben Sie uns an redaktion@die-stiftung.de

Artikel teilen