Soziologie-Professor Helmut K. Anheier spricht im Interview mit DIE STIFTUNG über Forschungsbarrieren, die Kritik an den großen internationalen Stiftungen und die Eigenheiten des deutschen Stiftungssektors. Außerdem erklärt er, was deutsche Stiftungen sich von amerikanischen abschauen könnten.

Welche Ihrer Studien über den gemeinnützigen Sektor sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?
Helmut Anheier: Zum Beispiel Arbeiten aus den 90er und 2000er Jahren an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore. Dort erfassten wir zum ersten Mal systematisch die wirtschaftliche Bedeutung des dritten Sektors. Wir fanden heraus, dass der dritte Sektor eine erhebliche wirtschaftliche Größe darstellt – in den amtlichen Statistiken wurde er fast wie ein Rundungsfehler behandelt. Dabei stellt er in einem durchschnittlichen OECD-Land fünf bis sechs Prozent des Bruttosozialprodukts dar.

Und welche Studien zum deutschen Stiftungssektor fallen Ihnen ein?
Anheier: Ein spannendes Projekt haben wir an der Hertie School gemeinsam mit dem Heidelberg Centrum für Soziale Investitionen und Innovationen durchgeführt. Es war die erste grundlegende Momentaufnahme des deutschen Stiftungswesens. Wir konnten zeigen, dass die meisten Stiftungen vom Vermögen her relativ klein und in ihren Zwecken meist lokal und regional ausgerichtet sind. Dies wird oft als Problem gesehen. Aber gerade die kleinen Stiftungen leisten einen enormen Beitrag für die Zivilgesellschaft. Das zeigt sich in ihrer geographischen Verteilung, die jener der Bevölkerung nahekommt. Bei großen Stiftungen ist das anders – sie sitzen in Stiftungszentren wie Hamburg, Frankfurt oder München. Dazu kommt, dass kleine Stiftungen einen wichtigen Beitrag zur sozialen Kohäsion in der Gesellschaft auf lokaler Ebene leisten.

Wie gehen Sie in der Forschung mit der Heterogenität der Stiftungslandschaft um?
Anheier: Das ist wirklich ein großes Problem. Die Stiftung ist ja kein rechtlich geschützter Begriff. Es gibt Organisationen, die sich Stiftung nennen, obwohl sie rechtlich keine sind, und dann gibt es Stiftungen, die sich nicht als solche bezeichnen. Das ist aber nicht nur in Deutschland der Fall. Es gibt zudem unterschiedliche Stiftungsformen, zum Beispiel operative Stiftungen, Förderstiftungen, Unternehmensstiftungen, Bürgerstiftungen, die ja von der Logik und ihrem Finanzgebaren her ganz unterschiedlich gestaltet sind. Wir haben eine Vielfalt des Stiftungswesens, der wir in der Forschung oft besser Rechnung tragen sollten. Es empfiehlt sich immer, von der Fragestellung auszugehen „Was wollen wir eigentlich wissen?“ und dann zu überlegen, welche Art von Stiftungen jeweils heranzuziehen ist.

Kann man global über Stiftungsstrukturen sprechen, oder können Wissenschaftler immer nur Stiftungssektoren einzelner Länder betrachten?
Anheier: Ich habe ja viel über die globale Zivilgesellschaft geforscht. Da spielen Stiftungen natürlich auch eine Rolle, vor allem die großen Stiftungen wie Ford und Rockefeller, die Gates Foundation, die Open Society Foundations von George Soros; Bertelsmann ist international aktiv. Aber dann kann man wieder darüber streiten, ob diese denn typische Stiftungen darstellen. Man muss das schon sehr differenziert sehen, denn gerade die sehr großen internationalen Stiftungen sind fast Unikate oder zumindest sehr spezifisch zu betrachten. Es gibt ja auch Länder, in denen es zwar NGOs und Non-Profit-Organisationen gibt, aber kaum Stiftungen, die mit den deutschen oder amerikanischen Stiftungen vergleichbar wären, etwa in Mittel- und Osteuropa. Das dauert sicher noch ein, zwei Generationen, bis sich dort eine Stiftungslandschaft entwickelt hat.

Haben diese großen Stiftungen das Potential, die Stiftungssektoren verschiedener Länder zu verbinden?
Anheier: Stiftungen haben ja schon lange international agiert. Denken Sie an die amerikanischen Stiftungen, die in den 50er und 60er Jahren auch in Deutschland aktiv waren. Die Freie Universität Berlin wäre ohne die Ford Foundation gar nicht zu denken. Aber auch viele Institutionen in Afrika und in Lateinamerika bekamen damals durch die internationalen Strategien der großen Stiftungen einen ersten Startimpuls. Viele der ersten Forschungsinstitute in den unabhängigen afrikanischen Staaten sind von Stiftungen gegründet worden. Das ist ein bisschen in Vergessenheit geraten. Heute konzentrieren wir uns vor allem auf Gates und Soros, die ja politisch anecken, gerade weil sie so groß und unabhängig sind.

Diese beiden Stiftungen sind immer wieder Kritik ausgesetzt – ist das alles reine Verschwörungstheorie?
Anheier: Sicherlich spielen Verschwörungstheorien da eine Rolle. Aber die Problematik geht viel tiefer: Wenn Sie einen Akteur wie die Bill-and-Melinda- Gates-Stiftung haben oder Soros’ Open Society Foundations, stellt sich ein zentrales Problem: Inwiefern können externe Akteure, die unter keiner demokratischen Kontrolle des jeweiligen Landes stehen, in dessen Politik oder innenpolitische Verfasstheit eingreifen? Das macht Soros ja, indem er in Ungarn oder Polen eine unabhängige Zivilgesellschaft fördert. Dass er da früher oder später auf Widerstand stößt, ist zu erwarten. Bei Gates haben wie eine andere Problematik. Er hat in den letzten Jahren viel in das Gesundheitssystem Afrikas investiert, und zwar mehr als die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die WHO hat aber ein komplexes Governance- System, welches das Prinzip von Checks and Balances wahrt. Bei der Gates-Stiftung entscheidet aber die Stiftung selbst über die Verwendung von Milliarden. Das ist ein Legitimationsproblem, das viel grundlegender ist als die oft seltsamen Annahmen der Verschwörungstheorien.

Warum macht die Arbeit kleinerer Stiftungen so oft an der Landesgrenze halt?
Anheier: Die Antwort ist einfach: Es ist zu kompliziert und zu kostspielig, als Stiftung auf internationaler Ebene zu agieren. Wir haben immer noch keine gute Koordination zwischen den Gemeinnützigkeitsgesetzen in der Europäischen Union. Der Aufwand, den gerade kleine Stiftungen betreiben müssen, um gemeinnützig über Grenzen agieren zu dürfen, steht oft in keinem Verhältnis zu der Summe, die transferiert werden soll.

Wie unterscheiden sich der deutsche und der US-amerikanische Stiftungssektor?
Anheier: Die meisten Stiftungen in Deutschland sind mehrheitlich ein Produkt der letzten 20, 30 Jahre, aber die Kultur ist immer noch eine ältere bundesrepublikanische: Man ist eher vorsichtig, bewegt sich lieber in vorgegebenen Bahnen, ist weniger innovativ und risikofreudig, als es eigentlich der Fall sein könnte. Das hat aber auch viel mit der Rekrutierung ehrenamtlicher Vorstände zu tun: Das ist ein Feld mit einem hohen Anteil an Juristen, Notaren und lokalen Notabeln. Die bringen etwas Konservatives, Erhaltendes in die deutsche Stiftungslandschaft, was auch durch die Gesetzgebung verstärkt wird – siehe etwa das Gebot des Erhalts des Stiftungsvermögens, Vorstandshaftung und so weiter. Da wird eine spezielle Kultur geschaffen und gelebt. Dabei haben wir ein junges Stiftungswesen: Es könnte agiler und innovativer sein.

Kennen Sie Beispiele amerikanischer Stiftungen, die agiler sind?
Anheier: Ich glaube, dass die amerikanischen Stiftungen generell agiler wirken. Die Art und Weise, wie sich auch große Stiftungen neu erfinden und neue Wege gehen, ist ein Beispiel. Schauen Sie sich die neueren Entwicklungen bei Rockefeller und Ford an, wie die sich in den letzten Jahren gewandelt haben. Ich kenne neben Mercator oder Bosch keine deutsche Stiftung, die sich so grundlegend neu gedacht oder neu erfunden hat.

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