Ich tauche also ein in die Geschichten, die die Epitaphen erzählen. Ziehe von Grab zu Grab. Zur Grabstätte der Barbiergesellen, einem Gemeinschaftsgrab, welches der armen Bevölkerungsschicht eine christliche Bestattung ermöglichte. Die typischen Berufswerkzeuge der Bader und Barbiere sind im Epitaph dargestellt: ein Köcher mit Scheren, eine Spreizschere zum Erweitern von Stichwunden, ein Trepanierbohrer zum Anbohren der Schädeldecke, ein Rasiermesser. Zum Grab von Kevin Coyne, einem Engländer, der bis zu seinem Tod 2004 in Deutschland als Musiker, Maler und Schriftsteller bekannt war. Zur Gruft von Theodor von Cramer-Klett, einem der erfolgreichsten bayerischen Unternehmer des 19. Jahrhunderts, die ich aufgrund ihres immensen Ausmaßes von 30 normalen Gräbern zu Beginn gar nicht als Grabstätte wahrnehme. Der Autor des App-Textes kritisiert diese Gestaltung als „Musterbeispiel dafür, was der Rat der Reichsstadt über Jahrhunderte erfolgreich verhindern konnte: Protz und Prunk einzelner neureicher Familien zu Repräsentationszwecken ohne Rücksicht auf traditionelle Grabformen und die Struktur des Friedhofs“.
Stolz kann ich auch von mir sagen, zu den 40% zu gehören, die Dürers Grab gefunden haben. In seiner barocken Form liegt es schlicht und unauffällig im historischen Teil des Friedhofs neben einem kleinen Bäumchen. Die Inschriften „SCULPTURA“, „PICTURA“, „ARCITEC(TURA)“ an den Seiten des Grabsteins sind nur noch mit Mühe zu entziffern. Der Stein selbst ist stellenweise mit Moos bewachsen. Eine weitere Grabplatte enthält ein Gedicht auf den edlen „Künstler-Fürsten“, Mathematiker und Architekten.

Die Suche nach den Gräbern ist wie ein spaßiges Rätsel. Ob dies von der Stiftung so angedacht war oder ob die Idee hinter der App eigentlich eine Art Navigationssystem mit GPS ist, das einen direkt zu den Gräbern führt, bleibt für mich aber ungelöst. Ich habe mein Tablet jedenfalls trotz großer Bemühungen nicht davon überzeugen können, mir meinen Standort anzuzeigen.
Bevor ich den Friedhof verlasse, zieht es mich noch einmal an das Grab von Johann Schlütter. Seine Geschichte und sein früher und tragischer Tod haben mich an diesem Tag besonders berührt. Ich versuche mir vorzustellen, wie das Wandgrab des jungen Schlütter wohl im ursprünglichen Zustand ausgesehen hat. Zwei farbige Gemälde auf Kupfer und vergoldete Inschriften fehlen heute, erzählt mir die Stimme in meinem Ohr. Dann trete ich, vertieft in Gedanken an das tragische Schicksal des angehenden Kaufmannes, durch das 1644 errichtete Nordportal direkt neben dem Grab – zurück in die Gegenwart.
Stichwort
Epitaph ist die Bezeichnung für eine Grabinschrift oder ein Grabdenkmal. Die Gestaltungsformen reichen von einer mit Namen und meistens mit Lebensdaten beschriftete Tafel bis hin zu aufwändig gearbeiteten Reliefs der Verstorbenen. Zu Epitaphen gehören in der Regel mehr oder weniger ausführliche Inschriften, die – je nach gesellschaftlicher Stellung des Verstorbenen – biographische Angaben, Bibel- und Liedzitate oder auch Reflektionen über die Vergänglichkeit des Lebens enthalten.
Die Stiftung und das Projekt
Die Stiftung historische Kirchhöfe und Friedhöfe in Berlin-Brandenburg wurde 1989 gegründet und setzt sich für den Erhalt von Objekten mit besonderem kunst-, kultur- und stadtgeschichtlichem Rang ein, für deren Sicherung keine ausreichenden Mittel vorhanden sind. Die am 3. November 2014 freigeschaltete Friedhofs-App ist ihr jüngstes Projekt. Das Planungsbüro Freiraumforum Schoelkopf in Hannover hat die WebApp technisch konzipiert, das Büro Hortec in Berlin wurde mit der Projektsteuerung und Koordination beauftragt. Die Finanzierung erfolgte mit Mitteln der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien.
Die Geschichten von 1.007 Gräbern auf 37 Friedhöfen wurden von 23 Autoren erarbeitet und vom Schauspieler und Hörbuchsprecher Hans-Jürgen Schatz als Audio-Datei eingelesen. Außerdem ist jedes der Gräber mit mindestens einem Foto illustriert. Bei der Auswahl der Gräber wurden Experten der jeweiligen Friedhöfe beteiligt. Eine Erweiterung der App ist angedacht, Anregungen und Feedback nimmt die Stiftung gerne entgegen.
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