DIE STIFTUNG: Müssen sich Stiftungen nun angesichts dessen mit der Zinswende beschäftigen, oder aber mit Fonds, deren Manager die Zinswende im Griff haben?

Hemmer: Im aktuellen Niedrigzinsumfeld ist es erforderlich, dass auch Stiftungen – streng kontrolliert – Marktrisiken eingehen, um höhere Erträge zu erzielen. Dies tun sie entweder schon mittels einer selbst gemanagten Asset Allocation oder indem sie Expertise von außen hinzunehmen. Generell gilt, dass ein diversifiziertes Portfolio Stiftungen flexibler macht. Ich bin überzeugt, dass Anbieter diesen Prozess mittels Fonds unterstützen können, da dort die Asset Allocation entsprechend bestimmter Entwicklungen zeitnah ausgerichtet beziehungsweise angepasst werden kann.
Erdmann: Da ich auch nicht an eine schnelle Zinswende glaube, müssen Stiftungen lernen, mit diesem „lower for longer“-Szenario umzugehen. Die Anlagerichtlinien der meisten Stiftungen sehen zu 70% Investments in erstklassige Anleihen und zu 30% in Aktien vor, andere Möglichkeiten sind da weitgehend ausgeschlossen. Eigentlich müssen sie sich damit beschäftigen, dass sie ihren Anlagehorizont erweitern. Viele haben auf der Anleiheseite nur in Euro denominierte Papiere im Depot, aber es gibt auch andere spannende Währungen, nur um ein Beispiel zu nennen. Anlagehorizont weiten heißt auch zu erkennen, was keinen Ertrag mehr bringt. Hierzu zählen Festgeld und Geldmarkt, das heißt hier Geld zu parken, ergibt für Stiftungen überhaupt keinen Sinn.
DIE STIFTUNG: Wenn ich mich also aus dem Rentenbereich rausbewege, was ist dann die für Stiftungen am besten geeignete Alternative?
Lange: Auch Stiftungen brauchen Streuung, auch wenn das bedeutet, dass man ab und an mal zu einer Beerdigung gehen müsste, weil manches nicht so funktioniert hat, wie wir uns das gedacht haben. Wichtig ist, dass es nie die eigene Beerdigung ist. Fremdwährungen kann ich machen, ja, beim Festgeld bin ich gleicher Meinung, hier ist die Ausschüttung nicht mehr gewährleistet. Wenn ich ein Stiftungsvorstand bin und zu 100% Festgeld mache, da ich weder Aktien noch Anleihen mein Vertrauen schenke, dann erhalte ich zwar das Kapital, aber um den Preis, im kommenden Jahr keine Zweckmittelzusagen mehr machen zu können. Insofern, um auf die Fonds zu kommen, muss ich als Stiftung einen Fonds suchen, der seine Ausschüttungen zuletzt stabil halten konnte und der genügend Reserven über Kursgewinne gebildet hat, um das auch in den kommenden Jahren gewährleisten zu können.
Bruns: Für mich ist die Aktie aus mannigfaltigen Gründen heraus die beste Alternative zur Anleihe. Das, was wir erlebt haben, zeigt, dass man von der grundsätzlichen Idee, Anleihen seien sicherer als Aktien, Abstand nehmen muss. Das alte Denken über Anleihen muss über Bord geworfen werden, über den Anlagestrauß müssen wir völlig neu nachdenken. Eine Anleihe zu 100 kaufen und verkaufen, das mag funktionieren, aber als Ökonom kann ich nicht ignorieren, dass sich Preise für Wertgegenstände verändern. Anleihen beherbergen dramatische Kursrisiken in sich, auch aufgrund der Kuponlosigkeit. Wenn Stiftungen aber nach Erträgen dürsten, dann sollten sie auch auf Dividenden schauen. Jedoch nicht nur in Deutschland, sondern international. Hier finde ich die Diversifikationsgrade, die ich auch als Stiftung brauche. Die Aktien sind, aus Stiftungssicht, der Hauptwettbewerber für die Anleihe. Aktien mögen sechs Jahre en suite gestiegen sein, aber im Vergleich zu Anleihen sind sie immer noch spottbillig.
Arneth: Dass der Trend zu mehr Aktien geht, sehe ich nicht. Tendenziell verabschieden sich risikoaverse Anleger seit geraumer Zeit aus dem Aktienbereich, investieren nur mehr sehr dosiert. Das Verlustrisiko auf ein Jahr gerechnet ist größer als bei Anleihen, die Risikotragfähigkeit aufgrund der niedrigen Zinserträge ist gering, daher die Reduktion der Aktienquoten.

Bruns: Man muss heute akzeptieren, dass es erhebliche Risiken am Kapitalmarkt gibt, auf der Aktien- wie der Rentenseite. In Deutschland hat es sich nicht herumgesprochen, dass höhere Aktienquoten durchaus ihre Berechtigung haben.
Hemmer: Vielleicht ist es auch eine typisch deutsche Diskussion. Denn man sollte nicht vergessen, dass international gesehen im Anlagemanagement von Stiftungen Aktien von je her eine entscheidende Rolle gespielt haben. Hierbei möchte ich nur auf die Harvard Stiftung in den USA verweisen. Diese führte laut ihrem letzten Geschäftsbericht 2014 eine Aktienquote von rund 50%. Mit ihrer Anlagestrategie konnte die Universität von 1994 auf 2014 das Vermögen in Aktien verzehnfachen.
Decker: Es mag sein, dass viele Punkte für den Aktienmarkt sprechen, aber wir dürfen eines nicht vergessen: Die Aktie per se wird zwar derzeit oftmals als Alternative zur Anleihe genannt, aber risikolos ist sie beileibe nicht. Stiftungen, die auf den Kapitalerhalt achten müssen, und das sind ja quasi alle, bekommen bei größeren Wertschwankungen einfach ein Problem mit dieser Vorgabe. Unserer Meinung nach geht der Trend immer stärker dahin, die sich bietenden Marktschwankungen auszunutzen. Aufgrund der Marktgegebenheiten wird es zunehmend schwieriger, Positionen über einen längeren Zeitraum „durchzuhalten“. Das hält man in diesem volatilen Marktumfeld nicht aus. Der Anleger muss hier aktiver agieren und vermehrt auf Diversifikation achten. Zukünftig wird der Fokus – gerade für Stiftungen – nicht mehr allein auf der Erwirtschaftung eines Kupons liegen, sondern auf der aktiven Steuerung der Investitionsquoten.
