DIE STIFTUNG: Wie sieht nun dieses aktivere Fondsmanagement in einem stiftungsgeeigneten Fonds aus?

Erdmann: In den Assetklassen, in denen ich als Fondsmanager investiert bin, sollte ich die Risiken im Griff haben. Wie steuere ich auf der Anleiheseite die Duration? Wie sichere ich mit Absicherungsmechanismen bei Kursrücksetzern dagegen ab? Das sind Fragen, die Fondsmanager im Griff haben sollten. Einfach nur breiter diversifizieren bringt auch nichts. Das Risikomanagement muss dabei nicht nur die Märkte, sondern auch die Instrumente in Betracht ziehen. Stiftungen wiederum sollten auf das Risikomanagement stärkeres Augenmerk legen und eben nicht nur die Chancen im Vordergrund sehen.
Hemmer: Für den Aktienteil nutzen die meisten Stiftungen, die ihre Allokation selbst managen, ein System mit strenger Risikokontrolle. Dennoch denke ich, dass die Kapitalmarktexpertise typischerweise bei einem Fondsmanager zu finden ist. Zudem profitieren Stiftungen nicht nur vom Erwerb entsprechender Expertise im langfristigen, strategischen Bereich, wenn sie mit einem Fondsmanager zusammenarbeiten, sondern auch davon, dass dieser die Option hat, innerhalb eines Fonds taktische Allokationen vorzunehmen. So kann der Fonds auch an kurz- und mittelfristigen Entwicklungen partizipieren.
Arneth: Risiken gehören nicht in der Stiftung gemanagt, sondern in den Anlagevehikeln. Wenn die Stiftung einen Fonds gefunden hat, der Erträge verspricht oder diese zumindest fortwährend zeigen kann, dann ist das auch eine Art von Risikomanagement. In dem Fall delegiert die Stiftung nämlich das Risikomanagement auf den Fondsmanager. Dort kann der Strauß an Risiken eher beurteilt werden als von den meisten Stiftungsvorständen.
DIE STIFTUNG: Von welchen Risiken sprechen wir denn?
Arneth: Kursrisiken, Spreadrisiken, Währungsrisiken, Unternehmensrisiken, Konjunkturrisiken – um nur einige zu nennen. Mit diesem Sammelsurium an Risiken, die sich gegenseitig beeinflussen können, dürften 90% der Stiftungen heute nicht mehr zurande kommen. Ich als Stiftung würde mich wohlfühlen mit drei oder vier Ansätzen zum Risikomanagement, die Ausdruck finden in vier unterschiedlichen Produkten, die dann darauf basierend auch regelmäßige Erträge generieren.
Bruns: Von der Idee der stabilen Ausschüttungen müssen sich Stiftungen aber in meinen Augen verabschieden. Wenn Sie an das Thema Aktien denken, dann hat sich hier bei den Stiftungen die Erkenntnis noch nicht herumgesprochen, dass Unternehmen wertvoller werden können. Stiftungen brauchen Erträge, und die müssen zum Teil auch aus Kursgewinnen kommen. Bei den Anleihen werden wir ja eher mit Kursabschlägen konfrontiert werden, parallel zu den mickrigen Kupons. Ich fürchte daher, dass es zu einem radikal anderen Anlageverhalten keine Alternative gibt. Außerdem wird eines gerne übersehen: Hierzulande stammen zwei Drittel der Erträge einer Aktie auf lange Sicht aus der Dividende, das ist ein Unikum, weil wir sehr alte und damit auch relativ langweilige Unternehmen haben. Im Rest der Welt stammen zwei Drittel der Erträge bei Aktien aus den Kursgewinnen.
Erdmann: Aber damit sind ja Stiftungsfonds prädestiniert, sich das zunutze zu machen. Wenn Kursgewinne von einem Fonds ausgeschüttet werden, können diese von der Stiftung als ordentlicher Ertrag für die Mittelverwendung vereinnahmt werden. Agiert eine Stiftung auf Ebene der Einzelwerte, muss sie sofort das Thema Rücklagenbildung wieder auf dem Schirm haben.

Arneth: Stiftungen in Deutschland investieren auch aus Währungsgründen in Europa, insofern würde ich bei Aktien auf europäische Titel bzw. Indizes setzen. Dabei sollten Stiftungen mit Risikobudgets arbeiten, also mit Quoten für maximale, von der Stiftung aushaltbare Verluste bei einzelnen Positionen.
Hemmer: Unser Haus hat gute Erfahrungen mit Fonds gemacht, bei denen eine jährliche Ausschüttung im Vordergrund steht, die bei unserem europäischen Aktienfonds aktuell bei zirka 7% liegt. Wichtig ist dabei: Ausgeschüttet werden ausschließlich ordentliche Erträge aus Dividenden europäischer Aktien und Prämien aus einer konservativen Optionsstrategie. Stiftungen erhalten über diesen Weg die Chance, ihre Asset Allocation zu diversifizieren und dabei das Risiko kalkulierbar zu halten.
Bruns: Mir fällt beim Wort Risikobudget ein bekanntes Bonmot ein. Das Risiko, Aktien zu halten, ist groß. Das größere Risiko ist jedoch, keine Aktien zu halten. Nie war dieser Satz richtiger, wenn ich höre, dass ich mit Risikobudgets oder übersetzt mit vielleicht 5% Aktienquote arbeiten soll. Da würde ich sagen, da brauchen Sie dann gar keine Aktien. Negative Jahre werden auch am Aktienmarkt wieder vorkommen, aber genauso – und das ist das frappierend Andere an der heutigen Situation – auch am Rentenmarkt. Das Gerede über Risiko geht mir in die völlig falsche Richtung.
