„Warum sollen Stiftungen nicht Vorreiter sein?“

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DIE STIFTUNG: Funktioniert das Risikomanagement auch bei Ihren Zielfonds, Herr Erdmann?
Erdmann: Eine Mischung über Köpfe, Stile und Assets hinweg zeigt immer unterschiedliche Ergebnisse in unterschiedlichen Marktphasen. Der Spitzenreiter vom April hat dann auch am stärksten wieder abgegeben. Was wir gemacht haben, waren im März Gewinnmitnahmen auf Fondsebene, so dass die kommenden beiden Ausschüttungen von jeweils 1,5% schon sicher sind.
Lange: Das sind dann 3%, richtig? Damit können Stiftungen sehr gut leben, finde ich jedenfalls.
Arneth: 3% halte ich auch für machbar. Von 4 oder 5% müssen Stiftungen derzeit Abstand nehmen, die Erwartungen sollten dem allgemeinen Umfeld angepasst werden. Stiftungen dürfen sich nicht ins Risiko drängen lassen.
Bruns: Wir haben im März 2,5% ausgeschüttet. Stiftungen müssen dessen bewusst werden, dass selbst 2,5% mit Anleihen allein kaum mehr zu machen sind. Findet ein Umdenken statt beziehungsweise werden die hohen Risiken auf der Anleiheseite erkannt, würden sich Stiftungen automatisch weniger auf die reine Ausschüttung versteifen. Allerdings sehe ich diese Änderung in der Einstellung noch nicht.

DIE STIFTUNG: Wie bekommen wir das hin, diesen Wechsel im Mindset?
Lange: Die Frage ist, ob die Stiftungslandschaft das so radikal braucht. Eine Stiftungssatzung kann ich nicht von heute auf morgen verändern. Passiert ein neues 9/11 und halbieren sich die Aktienkurse, dann hat man bei einer hohen Aktienquote schnell einen Termin bei der Stiftungsaufsicht. Die will dann wissen, wie die Stiftung das Kapital wieder auf den Ausgangswert zurückzubringen gedenkt.
Bruns: Stiftungen sind nicht nur konservativ unterwegs, sondern sie bewegen sich auch im Umfeld einer alternden Gesellschaft. Diese investiert gemeinhin nicht in Unternehmen, sondern eben vorsichtig, was auch immer das heißen mag. Ein Gedanke noch dazu: Stiftungen haben auch einen gesellschaftlichen Auftrag, und dieser kann auch die deutschen Kapitalinteressen mit einschließen. Warum sollen Stiftungen nicht Vorreiter eines gesellschaftlichen Mentalitätswechsels sein?
Lange: Da muss ich Ihnen widersprechen. Die konservativsten Kunden, die ich kenne, sind die 30- bis 40-Jährigen, die durch die Dotcom-Blase geläutert wurden. Der ältere und erfahrene Kunde setzt nach wie vor auf Aktien.
Hemmer: Bei den älteren Kunden stellen wir in unseren Gesprächen ebenfalls fest, dass eine Anlage in Aktie für sie eine Anlage in Produktivvermögen darstellt. Somit ist es also ein Investment in einen Wert mit „Substanz“. Die Chance auf attraktive Dividendenzahlungen sehen sie als Chance, am Wachstum und damit an einer positiven Wertentwicklung der Aktie zu partizipieren. Jüngere Kunden sind hier häufig skeptischer.
Bruns: Dann steht die Zukunft vieler Stiftungen ja erst recht auf dem Spiel.
Arneth: Ich würde das nicht so wertend sehen. Wir und auch viele Stiftungen, mit denen wir sprechen, fühlen sich wohl mit unserem konservativen Wertekanon. Wenn dazu höhere Aktienquoten analog der angelsächsischen Stiftungen nicht passen, dann ist das auch gut so.
Bruns: Aber dann wird Deutschland vermögensseitig weiter nach hinten durchgereicht werden, mit der Folge, dass auch Stiftungen hierzulande an Manövriermasse für ihre Zwecke verlieren.
Hemmer: Die mögliche Kürzung der für den Stiftungszweck notwendigen Mittel aufgrund deutlich geringerer Zinserträge bei der Wiederanlage von festverzinslichen Wertpapieren ist auch in unseren Gesprächen ein wiederkehrendes Thema. Es ist daher unserer Ansicht nach nicht zu vermeiden, dass auch Stiftungen mehr Marktrisiken eingehen, um höhere Erträge zu erzielen. Produkte mit fixer Ausschüttung und einem klaren Risikomanagement können hier einen Mehrwert leisten.
Erdmann: Wir dürfen auch den Haftungsaspekt nicht außer Acht lassen. Stiftungen müssen belastbare Entscheidungen treffen, und das können sie vor allem mit Fonds, in denen wiederum die Aktienquoten enthalten sind. Gäbe es die Mischfonds nicht, die Aktienquoten in Stiftungen wären vermutlich noch weit geringer als ohnehin schon. Selber machen wäre hier die Alternative, aber da ist ein Stiftungsvorstand dann schnell mit der Haftung konfrontiert – und lässt die Aktie auch mal Aktie sein. Ich kann das verstehen.
Decker: Prinzipiell teile ich das Plädoyer für die Aktie, aber die Mühlen mahlen hier einfach langsam. Der beeindruckende Vermögensaufbau in Deutschland nach dem Krieg, auch gerade bei vielen Stiftungen, ist vor allem ihrer konservativen Herangehensweise zu verdanken. Über die Mischfonds haben Stiftungen heute aber die Möglichkeit, sich den aktuellen Marktgegebenheiten anzupassen. Gleichzeitig können sie sich nach wie vor im konservativen Terrain bewegen und trotzdem eine aktivere Anlagepolitik verfolgen. In der aktuellen Gemengelage schweben mit Griechenland, dem großen Zentralbankexperiment, dem Aktienmarkteinbruch in China und einem kriegerischen Konflikt in Europa – um nur einige zu nennen – gleich mehrere Damoklesschwerter über uns. Das verlangt aktives Anlagemanagement, denn das ist die einzige Chance, die Stiftungen haben, um in diesem Marktumfeld mit ihren Anlagen bestehen zu können.