Eine moderne Reise in die Vergangenheit

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Welche spannenden Lebensgeschichten und Zeitzeugnisse auf einem Friedhof zu finden sind, ist in der Regel nur Experten bekannt. Eine Berliner Stiftung will dies ändern. Ihre neue App „Wo-sie-ruhen“ lädt zu einer von einem Audioguide begleiteten, kunsthistorischen Reise über 37 deutsche Friedhöfe ein.
Von Martina Benz

 

Auf einer Handelsreise nach Italien wird der 23-jährige Johann Schlütter von einer Räuberbande überfallen. Seine Reisegefährten werden bei dem Angriff getötet, er selbst erliegt 17 Stunden später seinen Verletzungen. Von seinem Vater, dem reichen Lübecker Großkaufmann Heinrich Schlütter, war er für ein Jahr zur weiteren Ausbildung als Kaufmann nach Nürnberg geschickt worden. Doch das Schicksal wollte, dass er nie mehr zurückkehrte. Das war am 14. Februar 1646.

Als die Stimme aus meinen Kopfhörern verstummt, kehre ich langsam in die Gegenwart zurück. Es ist ein trüber, regnerischer Dezembertag und ich stehe beeindruckt vor dem Schlütter´schen Grab in der Nordmauer des Johannisfriedhofs in Nürnberg – dem einzigen erhaltenen Wandgrab an diesem heiligen Ort. Der Text der Schrifttafel, welcher Schlütters Geschichte erzählt, ist kaum lesbar: altes Deutsch, gotische Lettern, ein Schild, dem man die vielen Jahre ansieht, die es schon an diesem Ort verharrt.

Doch endlich findet seine Geschichte wieder Beachtung, zumindest bei denen, die wie ich das neue Projekt der Berliner Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe ausprobieren: Eine App namens „Wo-sie-ruhen“, die kostenlos auf Notebooks, Tablets und Smartphones installiert werden kann, führt über 37 Friedhöfe im gesamten Bundesgebiet. Jeweils einige Dutzend Gräber sind auf einer Karte markiert und durchnummiert. Wer auf die Zahlen klickt, sieht ein Foto des Grabes und erfährt so einiges über den Verstorbenen und seine Ruhestätte.

Begräbnisplatz wird zum Freilichtmuseum
Die Organisation versucht damit, das Augenmerk verstärkt auf die Friedhofskultur zu richten und eine zeitgemäße Geschichts- und Ortserkundung zu ermöglichen. Der Begräbnisplatz wird so zum Freilichtmuseum, Audioguide inklusive. Und das obwohl auf der Website des Friedhofs betont wird: „Unsere Friedhöfe sind keine Museen, sondern Orte gelebter Spiritualität.“ Hier scheint beides der Fall zu sein.

Deutlich betonend liest der Schauspieler und Hörbuchsprecher Hans-Jürgen Schatz die Kurzporträts der Gräber vor. In Nürnberg sind es 25. Wer es bevorzugt selbst zu lesen, kann auch das tun. Die Informationen stehen online zur Verfügung, was den Besucher vor Ort ebenso wie zuhause in die Vergangenheit und in die architektonischen Kunstwerke der Gegenwart eintauchen lässt.