Lernen und Demokratie

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DIE STIFTUNG: Eine viel aktivere Herangehensweise, denn man muss etwas lesen, man muss sich damit auseinandersetzen und beschäftigen. Dann macht man Aufgaben, um das Wissen zu verankern. Im Gegensatz zu der Hoffnung, ein Video anzusehen, den Inhalt zu begreifen und sich danach das nächste Video anzusehen.
Müller: Wir arbeiten natürlich auch mit verschiedenen Medien. Videos beispielsweise sind sehr toll – professionell, gut gestaltet, lebendig. Und für manche bestimmt DAS Lernmedium schlechthin. Aber mit einer Suche oder dem Verlinken auf Schlagwörter kann man hier nicht dienen. Der Ansatz von Serlo ist weitaus interaktiver – man kann kurz etwas nachschauen, eine Übung zu einem anderen Bereich machen, und wieder wird weiterverlinkt, wenn man Begriffe nicht versteht. Auch wir bauen zum Beispiel Videos mit ein, allerdings ist für uns maßgeblich, dass wir Artikel, Aufgaben und Lösungen haben. Das Ziel ist, die Medien zusammen wirken zu lassen, damit ein Lern-Flow entsteht, anstatt sich ein Video nach dem anderen anzuschauen. Im Sinne einer Datenbank, in der man kurz nachschauen und sich nochmal vergewissern kann, wie etwas funktioniert, ohne sich gleich eine ganze Präsentation anschauen zu müssen. Wir werden diesen Wert der vernetzten Didaktik weiterentwickeln.
Köhl: Der entscheidende Punkt ist, dass wir ein Wiki bieten, um den Leuten zu ermöglichen, mitzumachen. Natürlich könnte man jetzt fragen, ob das nicht nur ein Mittel zum Zweck ist, weil es einfacher ist, wo dagegen Projekte in den USA, die mit sehr viel Geld und anderen Mitteln ausgestattet sind, ein geschlossenes Bildungsangebot schaffen können. Wir haben die nicht, deswegen müssen wir auf einen aktivierenden Ansatz setzen. Auf einen Vollzeit-Mitarbeiter kommen zehn Ehrenamtliche im Team und potenziell Hunderte in der Community. Es bietet zum einen die Möglichkeit, mit einfachen Mitteln ein solches Angebot auf die Beine zu stellen. Aber darum geht es eigentlich gar nicht. Es ist nicht nur Mittel zum Zweck; es geht uns darum, das kreative Potenzial zu nutzen, was in den Leuten steckt, sie abzuholen und wieder in eine Position zu bringen, wo sie vom Konsumenten der Bildung zum Mitgestalter, zum Prosumenten werden können, also gleichzeitig auch Produzent sind.
Müller: Was noch spannend ist in diesem Kontext ist – die Plattform ist nicht fertig. Also auch nicht so unantastbar wie beispielsweise ein Schulbuch, wo ganz klar umrissen ist, der Inhalt geht von Deckel bis Deckel, und was dort drinnen steht, ist das, was gelernt werden muss. Ähnlich wie auch Lehrpläne etwas statisches sind. Hier wird aber ein Diskurs darüber hergestellt, was eigentlich gelernt werden soll und wie. Das sieht man übrigens wieder sehr schön am Beispiel Wikipedia: In der Nacht, als der neue Papst gewählt worden ist, ist diese Seite förmlich explodiert aufgrund von Bearbeitungen und Leuten, die sich mit dem Thema befasst haben. Innerhalb kürzester Zeit ist ein sehr großer Diskurs darüber entstanden, wie die Vergangenheit des Papstes darzustellen und seine Person zu beschreiben ist. Weltweit haben sich hunderte Menschen beteiligt, im Sekundentakt sind neue Übersetzungen erschienen. Es wurde genau das abgebildet, was später in den Zeitungen diskutiert wurde.

DIE STIFTUNG: Das war natürlich auch ein Thema, das sehr viele bewegt, wo sich viele engagiert haben und angesprochen fühlen. Wie ist das mit Themen, die nicht auf eine derart breite Aufmerksamkeit stoßen?
Köhl: Wir werden oft gefragt, wie wir diesen Riesenaufwand, umfassende Lernmaterialen in vielen Fächern in allen Sprachen in guter Qualität bereitzustellen, schaffen wollen. Und Jimmy Wales hat da einmal eine gute Antwort darauf gegeben. Auf den Vorwurf, was er sich da vorstelle mit der Wikipedia, würde niemals funktionieren. Er hat gesagt: Ja, die Wikipedia funktioniert theoretisch nicht, aber in der Praxis schon. Das tolle ist, man braucht nur eine Person, die mit Leidenschaft und Know-How einen Beitrag leistet, zum Beispiel zu irgendeinem Orchideenthema. Wir haben probeweise mit einem ökologischen Nischenthema angefangen, auf der Plattform; jetzt steht das den 5,5 Millionen Sekundarschülern in Deutschland frei zur Verfügung. Realistisch ist aber, dass es zehn gibt, die etwas dazu beitragen können und auch Zeit und Muse haben, sich hier einzubringen. Das ermöglicht Diskurs und Vielfalt. Es ist gerade an der Wikipedia faszinierend, welche Reichweite auch exotische Inhalte erreichen.