DIE STIFTUNG: Ist diese gewisse Unmündigkeit nicht vielleicht auch gewollt?
Köhl: Auf jeden Fall ist der Vermittlungsdruck gewollt. Das ist teilweise auch historisch gewachsen. Klassenzimmer sahen vor hundert Jahren noch viel extremer aus, das waren Disziplinierungsanstalten, und davon ist sicher noch einiges übrig. Das wird sich aber durch die moderne Pädagogikforschung mit Sicherheit ändern in den nächsten Jahren. Aber die modernere Pädagogik wird unter Effizienzkriterien stehen – Effizienz der Wissensvermittlung und dem Druck, bestimmte Inhalte möglichst schnell und möglichst früh vermittelt zu bekommen. Der wächst. Da sind einfach zu viele Interessen dahinter. Die Ansicht, wir brauchen für unser Unternehmen genau diese Skills, die gekonnt werden müssen.
DIE STIFTUNG: Sir Ken Robinson, unser „Bildungspapst“, hat zu Interessengruppen und Effizienzgedanken in einem Interview auf beruf-berufung.ch gesagt, dass Kreativität systematisch ausgerottet wird. Er erklärt vorher „die Mehrheit der Schulen trägt wenig bei zum Wachstum der Persönlichkeit und zur Fähigkeit, kreativ mit Herausforderungen umzugehen.“ Nachdem er das erläutert hat, kommt als Frage: „Sie folgern daraus, dass die Schule unser Potenzial, kreativ zu sein, auf ein Minimum herabsenkt?“ Darauf antwortet er: „Das ist vermutlich der Preis, den wir für Konformität und Standardisierung bezahlen. Und dafür, dass wir den Unterricht immer stärker darauf ausrichten, was auf dem Arbeitsmarkt vermeintlich gefragt wird.“ Seht ihr das auch so?
Müller: Man sollte hier die Perspektive aus England und besonders aus den USA berücksichtigen; dort traut man den Schulen so wenig durch die Liberalisierung und Kommerzialisierung des Bildungssystems zu, dass man, um an den Universitäten aufgenommen zu werden, einen einzigen standardisierten Test machen muss, der auf der ganzen Welt der gleiche ist. Vorherige Schul- oder Berufsabschlüsse zählen kaum. Das zeigt ja schon, wie stark dieser Drang zur Standardisierung ist. Hinzu kommt, dass Institute, die auf diese Art des Tests vorbereiten, florieren, und sehr viel Geld damit verdienen. Ich halte das für sehr schwierig. Außerdem ist das allen Fähigkeiten, die nicht in einem standardisierten Test abgefragt werden können, sehr abträglich. Hier gehört zum Beispiel auch die Diskussion von unterschiedlichen Argumenten und Standpunkten, Vielfalt und Kontroverse dazu.
Köhl: Das deutsche Bildungssystem wird dagegen durchaus als hochwertig und für die meisten Menschen als zielführend wahrgenommen. Es ist in vielerlei Hinsicht auch besser als das in Nordkorea, China oder Saudi-Arabien. In unserem System zeigt sich vermehrt der Generation Bias. Die junge Generation fordert mehr Mitgestaltungsmöglichkeiten am Arbeitsplatz, für die ist es selbstverständlich, sich nach drei Jahren wieder einen neuen Job zu suchen oder auch mal andere Sachen zu machen. Vielleicht ist das eine neue Form von Effizienz, die sich auch in Schulen durchsetzt. Wenn man merkt, dass es ineffizient ist, acht unterschiedliche Fächer pro Tag jeweils für 45 Minuten zu lernen, sich auf den Punkt viertel vor elf auf Mathematik Seite 120-121 begeistern zu müssen. Es funktioniert einfach besser, wenn man mitgestalten darf. Aber die Frage ist, wie weit das reicht. Wo beginnt die wirkliche Selbstbestimmung? Das wirkliche Themen selbst setzen, sich kritisch auseinandersetzen? Ich freue mich auf die Auseinandersetzung mit dem, was von staatlicher Seite kommt, und wie wir die Verlagsinhalte mit den Open Educational Ressources ergänzen können.
Müller: Es ergänzt sich ja auch jetzt schon. Es gibt LehrerInnen, die das einsetzen, im Unterricht das Tool verwenden, natürlich genauso kritisch, wie sie andere Materialien verwenden. Das positive Feedback und die Nutzerzahlen sprechen natürlich auch für sich. Wir wollen eine zusätzliche Möglichkeit schaffen, die das deutsche Bildungssystem ergänzt. Die Technologie und digitale Kompetenz, die durch die Digitalisierung der Welt entsteht, möchten wir positiv nutzen. Hier ist auch das staatliche Schulsystem langsamer, solche Entwicklungen aufzunehmen. Wir wollen die Materialien und die Internetverbreitung dazu nutzen, dass junge Menschen mit den Medien arbeiten, mit denen sie auch sonst mit ihren Freunden kommunizieren und einen großen Teil ihres Lebens gestalten. Dass sie sich mit diesen Medien, in denen sie kompetent sind, auch Bildung aneignen können.
