Lernen und Demokratie

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DIE STIFTUNG: Ist das ein System, was hier aufgebaut wird? Dass es wichtig ist, möglichst gebildet zu sein, was leider sehr viel Geld kostet, dass man selbst bezahlen muss, wodurch man danach gezwungen ist, sich einen Job zu suchen, der möglichst lukrativ vergütet wird, um das wieder zu refinanzieren…
Köhl: Wenn wir über die Universität reden, auf jeden Fall. Man hat nicht das Gefühl, dass Engagement, das über die Studienordnung hinausgeht, gewollt ist und gefördert wird, dass einem hier entgegengekommen wird. Ich konnte nicht das studieren, was ich wollte und mich gleichzeitig in dem engagieren, was mir wichtig ist. Was die Schulen betrifft, sehe ich beide Entwicklungen: Es gibt zum einen diesen Druck durch Bildungsstandards, durch Forderungen, welche Inhalte unbedingt vermittelt werden müssen, mit immer jüngeren Jahren. Gleichzeitig sehe ich aber auch, dass sich eine Pädagogik durchsetzt, die mehr Freiräume bietet, dass Schulen beispielsweise architektonisch anders gestaltet werden, dass nicht mehr diese Disziplin von vor hundert Jahren angestrebt wird.
Müller: Ich gehe von einer großen Diversifizierung aus, gerade was den privaten Hochschulbereich angeht, mit sehr guten und teuren MBA-Programmen beispielsweise. Auch wird durch Drittmittelfokussierung und durch Studiengebühren begründet, den Universitäten weniger Mittel von staatlicher Seite zur Verfügung zu stellen. Es wird Gewinner geben, die es schaffen, viel Geld einzuwerben, damit wird es aber auch Verlierer geben, die es nicht schaffen, weil sie nicht in Unternehmensprofile passen, oder weil sie nicht an attraktiven Themen oder Standorten forschen. Früher ist man stolz darauf gewesen, dass in Deutschland die universitäre Ausbildung an vielen Orten relativ gut ist und es eben nicht die Universität gibt, an der man studieren muss. Hier findet vermehrt eine Hierarchisierung statt, eine Elitenbildung, auch bei bestimmten Institutionen. In England wird das bereits sehr kontrovers diskutiert, mittlerweile beklagt man sich, dass ein zu großer Teil an Personen in politischen Führungspositionen in Oxford oder Cambridge studiert haben. Es ist wichtig, dass der Staat die Universitäten weiterhin gut grundversorgt, wie das die Studierendenvertretungen fordern und somit eine Wahlfreiheit der Studierenden entsteht, um dem ökonomischen Druck nicht so stark unterworfen zu sein.

DIE STIFTUNG: Schlagwort: Lösung durch Diskurs. „Wir können die aktuellen Herausforderungen nicht mit unserem linearen und deduktiven Denken bewältigen, das in der Vergangenheit geholfen hat“, sagt Sir Ken Robinson.
Köhl: Man kann wie Sir Ken Robinson die Probleme stark zugespitzt auf den Punkt bringen. Diese globale Perspektive und Kritik muss sich das deutsche Bildungssystem nicht unbedingt gefallen lassen. Eine staatliche Bildungspolitik hat durchaus ihre Berechtigung, so wie es die Berechtigung für unabhängige Lernmaterialien gibt. Und das könnte ein sehr wertvollen Beitrag zu diesem Diskurs werden und ihn noch weiter nach vorne bringen, weil eine Vielfalt angeboten wird, die dem Lehrbuch andere Dinge gegenüberstellt. Aber auch, weil man den Entstehungsprozess nachvollziehen kann. Wo ich mir mehr Sorgen mache, ist der Einsatz von Technologie: Da sehe ich sowohl das große Potenzial einer interdisziplinären Didaktik, die mehr Selbstbestimmtheit ermöglicht; durch die der Schüler selbst nachschauen kann, Wege verfolgen. Eine Didaktik, die über die Grenzen des Klassenzimmers, der Schule, Länder und Sprachen hinausgeht. Und gleichzeitig die Sorge, dass diese Chance vertan wird. Dass ich Französisch lernen kann mit dem Algerier, der Deutsch lernen möchte. Oder wie vorher das Beispiel, die Position eines anderen Landes auf etwa die innerdeutsche Geschichte einzubinden. Und dass gleichzeitig, Stichwort Vorratsdatenspeicherung, die Gefahr besteht, dass Technologie so weit eingesetzt wird, wie es möglich ist. Dass der Lernprozess kontrolliert wird, dass er durch Algorithmen standardisiert wird, dass Daten darüber, welcher Schüler wann, wie und wie erfolgreich lernt, gesammelt und ausgewertet werden. Auf universitärer Ebene sieht man auch eine Verschwimmung von öffentlichen Institutionen und privaten Bildungsanbietern, weil E-Learning von privatwirtschaftlichen Anbietern umgesetzt wird, in die viele öffentliche Gelder gesteckt werden. Wenn das in der Schule bedeutet, dass irgendwann alles von einem großen Apfel kommt, die Materialien, die Lernsoftware, die Hardware, dann würden Datenschutzrichtlinien und Persönlichkeitsrechte der Effizienz der Vermittlung geopfert. Daher ist es sehr wichtig, dass eine gemeinnützige Organisation auch im datenschutz-sensiblen Deutschland zeigt, wie gutes E-Learning funktionieren kann, ohne Automatisierung, ohne Log-in-Pflicht, ohne Tracking, Facebook-Account usw. Ob wir uns damit durchsetzen, oder nur als gutes Vorbild vorangehen, in jedem Fall liefern wir der Bildungspolitik einen wertvollen Beitrag.

DIE STIFTUNG: So viele Ideen, so viel Know-How und Potenzial… Zieht es euch damit nicht in die Bildungspolitik?
Köhl: Es gibt Organisationen, die sich bewusst für das Thema frei lizenzierte Lernmaterialien einsetzen. Wir aber fokussieren uns so professionell wie möglich auf die Entwicklung unseres Lernangebotes und haben nicht vor, Politik zu machen. Wenn wir das in Form eines guten Beispiels machen, sehr gerne.

Durch die Diskussion führte Sabine Kamrath.

 

Tobias Müller ist verantwortlich für die Internationalisierung bei Serlo.org.

Simon Köhl kümmert sich um die Organisation und Strategieplanung bei Serlo.org.

 

Serlo – die freie Lernseite ist ein Projekt der Gesellschaft für freie Bildung e. V.