DIE STIFTUNG: Und wir haben in Deutschland mächtige Bildungsorganisationen, die sich für bestimmte Dinge einsetzen. Und die Frage der Finanzierung ist ein schwieriges Thema – die Player im Bildungsbereich, die finanziell gut ausgestattet sind, beispielsweise die Verbände, haben Vorteile gegenüber anderen, kleineren. Die Frage ist aber, wo die Mittelzuflüsse herkommen und wie deren Arbeit finanziert wird. Aber vor allem, welche Interessen dahinter stehen. Einzelne Gruppen werden von Unternehmen finanziert, die ein starkes Ziel und eine Agenda hinter ihrem Engagement haben.
Köhl: Ich denke, es ist erstmal legitim, dass Unternehmen Bildung machen wollen. Ein separates Thema ist, dass dieser Einfluss offengelegt und transparent gemacht werden muss, durch Lobbyregister zum Beispiel. Vor allem zeigt mir das, welche Relevanz ein Projekt wie Serlo hat. Manche wollen das Bildungssystem abschaffen, andere wollen das Bildungssystem verändern und konstruktiv diskutieren, und sind sich teilweise auch sehr genau bewusst, wie man mit Geld Einfluss auf Bildung nehmen kann. Für mich zeigt das eine starke Relevanz für ein zusätzliches, stärker basisdemokratisches Element. Dass also das staatliche oder von Lobbyismus beeinflusste Bildungssystem und Bildungsangebot nicht das einzige ist, über das man sich informieren kann. So, wie jetzt Studierende in einer Vorlesung aufstehen und sagen können, entschuldigen Sie, Herr Professor, auf Wikipedia habe ich gerade etwas ganz anderes gelesen, gibt es eine Zweitinterpretation des Themas online. Es wäre schön, nachschauen zu können, wie eigentlich die innerdeutsche Geschichte in Frankreich wahrgenommen wird. Denn auch das sind legitime Positionen.
DIE STIFTUNG: Wenn man von der Komponente der Ergänzung ausgeht, ist das verbunden mit einer hohen Erwartungshaltung an den Schüler und Studierende. Weil man nicht nur diese eine Quelle betrachtet, die man vorgesetzt bekommt, sondern weil erwartet wird, dass weitere Möglichkeiten genutzt werden. Ist das realistisch?
Köhl: Mit vielfältigen Materialien umgehen heißt, mit der Realität der Informationsflut da draußen umgehen zu lernen. Und dementsprechend würde ich sagen, ja, es ist realistisch, es gibt junge Menschen, die, wenn sie mit dieser Haltung aufwachsen und diese Haltung in der Schule gefördert wird, auch in der 5. Klasse schon kritisch mit Materialien umgehen können. Aber ich denke, dass es vor allem deswegen realistisch ist, weil die unangefochtene Gestaltungsmacht in der Schule bei den Lehrern liegt, erwachsenen Menschen, die, wenn man mal ehrlich ist, sich sowieso nicht an diese ganzen Vorgaben halten.
DIE STIFTUNG: Was wir vermutlich auch selbst erlebt haben durch Lehrer, die entsprechend engagiert waren und ihren Spielraum ausgenutzt haben. Natürlich gibt es auch den Dienst nach Vorschrift. Aber nochmal zurück: Die Erwartungshaltung ist, gerade in der Schule, dass in Altersbereichen unterhalb von 15 Jahren auch ein selbstständiges Lernen vorherrscht…
Müller: Grundsätzlich müssen auch 15-jährige Prüfungen schreiben und sich darauf vorbereiten. Manchmal ist dafür das Schulbuch eine gute Quelle. Aber ich habe es selbst erlebt, dass das Schulbuch bei bestimmten Themen überhaupt nicht weitergeholfen hat. Vielleicht hat auch die Lehrerin etwas unterrichtet, was nicht genau so im Buch steht. Dann hat man gar keine Materialien, in denen man nachschlagen könnte. Selbst wenn man nicht besonders an Bildung interessiert ist, aber eine Prüfung zu schreiben hat, kann man im Internet einfach das Wissen durch eine Suchmaschine finden oder zu Lernplattformen gehen.
