Lernen und Demokratie

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DIE STIFTUNG: Oftmals gibt es nicht eine Wahrheit, wie in der Mathematik, manches ist relativ. Bei einem Thema, bei welchem sich viele auskennen, ist mit Sicherheit ein gewisser Diskurs da über Richtigkeit von Inhalten. Wie kann man hier Transparenz gewährleisten?
Müller: Wikis sind nicht statisch wie ein top-down-Bildungsangebot, sondern bieten die Möglichkeit, dynamisch zu sein, neue Ansichten aufzugreifen. Aber auch, gewisse Widersprüche in der Geschichte sichtbar zu machen und in der Bearbeitung aufzuzeigen. Das heißt nicht, dass am Ende widersprüchliche Sachen drinstehen; meist einigt man sich auf etwas, aber durch die Historie des Wikis kann man sehen, wo unterschiedliche Positionen und problematische Diskussionen waren und welche unterschiedlichen Sichtweisen es gibt.
Köhl: Ich denke dass alles, was in der Schule unterrichtet wird, so allgemeingültig ist, dass es hier viele gibt, die einen Beitrag leisten können und sich die Inhalte ausbalancieren werden. So entwickelt sich langfristig hohe Qualität. Darüber hinaus besteht die Chance, dass man Themen findet und ein Ergänzungsangebot zur Verfügung stellen kann, das nicht im Schulbuch steht. Das können Vertiefungen sein, Grundlagen, die in dieser Jahrgansgstufe nicht thematisiert werden; das können interdisziplinäre Verknüpfungen sein, mit Philosophien, die im Ethik-Unterricht nicht zur Sprache kommen in den wenigen Stunden, die man hat.
Müller: Vielleicht noch ein Wort zum Qualitätsmanagement: Es gibt Prozesse, die eine hohe Qualität sicherstellen.Und ein Team aus der Community, aber auch aus dem engeren Team von Serlo, das die Inhalte überprüft, mit Menschen, die sich für das Thema begeistern. Für das Fach Mathematik, wo wir derzeit am besten aufgestellt sind und 280.000 User pro Monat haben, gibt es ein festes Redaktionsteam, bestehend aus Mathematiklehrenden, Mathematikstudierenden und anderen Interessierten, die überprüfen, dass die Materialien kohärent sind, von der fünften bis zur zwölften Jahrgangsstufe. Dass die Aufgaben stimmen, die Lösungen korrekt sind.

DIE STIFTUNG: In Mathematik ist das natürlich einfacher als wenn wir jetzt in Bereich gehen, in dem Interpretationsspielraum besteht, die moralisch durchdrungen sind. Beispielsweise Religionswissenschaften, Geschichte, das sind Fächer, wo man durchaus diskutieren kann.
Köhl: Hier ist das Interessante, dass wir diese Diskussion zeigen können. In der Schule habe ich das irgendwie vermisst. Da ist eine fertige Interpretation dessen, wie wir den 2. Weltkrieg sehen, geliefert worden. Wir haben natürlich keinen rein autoritären Ansatz in unserem Schulsystem, verglichen mit dem, was es in Deutschland schon einmal gab oder mit dem, was in anderen Ländern gelehrt wird. Es gibt durchaus kritische Ansätze, die man lobend hervorheben sollte: Die Idee, sich mit Fragen auseinanderzusetzen, und die Möglichkeit der Reflektion. Dennoch hätte ich immer gerne gewusst, was nicht und warum es nicht in den Büchern steht. Hier ist besonders interessant, welche Möglichkeiten unser Projekt noch entwickeln kann, auch in Bezug auf die Internationalisierung: Was haben denn die Engländer für einen Blick auf den 2. Weltkrieg? Es wäre spannend, das offenzulegen, was in vielen Redaktionszimmern von Schulbuchverlagen heiß diskutiert wurde. Oder in den Gremien der Kultusministerien.

DIE STIFTUNG: Vor kurzem haben wir einen Einblick bekommen in Baden-Württemberg, was passiert und welche Kämpfe ausgetragen werden, wenn inhaltlich in Schulbücher eingegriffen wird und moralisch heiße Themen angefasst werden. Dass man auch im Unterricht erwähnt, dass es durchaus auch andere Möglichkeiten für Familien gibt als Mama, Papa, Kind. Ist das generell so und wir bekommen es einfach nicht mit, als Bildungskonsument, Schüler und Elternteil?
Müller: Es ging ja nicht nur darum, dass es in den Biologiebüchern im Bereich der Sexualkunde, die ohnehin nur ein sehr kleiner Teil ist, dargestellt wird; sondern dass ganz grundsätzlich auch in anderen Fächern, zum Beispiel im Englischbuch, der Stoff anhand der Handlung um eine Kernfamilie aus mum, dad, daughter and son vermittelt wird. Und ob man hier nicht auch eine  Familie mit lesbischen Eltern nehmen könnte, die ein Kind adoptiert haben, um auch diese Normalität zu zeigen.