DIE STIFTUNG: Es bewegt sich also etwas? Vielleicht langsam und träge, aber es bewegt sich etwas und vor allem in die richtige Richtung?
Köhl: Das würde ich nur sagen, was die Pädagogik in den Schulen betrifft. Eine Gleichberechtigung der Möglichkeiten wäre das Ziel, denn im Endeffekt wollen wir Menschen dazu ermächtigen, mitzubestimmen und mitzugestalten.
DIE STIFTUNG: Sir Ken Robinson meint dazu: „Unser Schulsystem wurde in seinen Grundzügen in der Aufklärung konzipiert, es funktioniert nach der Fließbandmentalität und passt perfekt ins Industriezeitalter. Die Schulen sind heute noch organisiert wie Fabriken: Das beginnt bei der Architektur, findet seine Fortsetzung in der Pausenklingel, in der strikten Aufteilung der Fächer und Einteilung nach Alter – als wäre das „Produktionsdatum“ der wichtigste gemeinsame Nenner von Schülern. Alles läuft auf Konformität und Standardisierung hinaus. Die Schüler werden mit Wissen versorgt und lernen, dass es jeweils genau eine richtige Antwort gibt auf jede Frage. Wenn wir uns die aktuellen Entwicklungen in der Bildungspolitik anschauen im universitären Bereich, haben wir da nicht eine rückläufige Entwicklung? Wenn man das vergleicht mit den Magisterabschlüssen, den Möglichkeiten, wie man studieren konnte, noch vor zehn Jahren?
Köhl: Ich kann diese Position nachvollziehen. Auch kann ich mir auch vorstellen, dass es sehr viele Menschen gibt, die eine solche Meinung haben, sich ein wenig ohnmächtig fühlen, weil sich in ihrer Wahrnehmung eine problematische Entwicklung ergibt.
DIE STIFTUNG: Weil jetzt eine Anwesenheitspflicht im Bachelorstudiengang besteht, obwohl Studierende vielleicht nicht in jede Vorlesung gehen wollen…
Köhl: Genau. Deswegen finde ich es spannend, Räume zu schaffen, wo ein anderes Verständnis von Bildung Gestalt annehmen kann.
DIE STIFTUNG:Kontrovers gefragt: Ziehen wir nicht gerade eine Generation heran, die aus einer gewissen Mündigkeit heraus, die es einmal gab, zurückgeführt wird in starre Strukturen? Der Möglichkeiten genommen werden, die vorher da waren?
Müller: Ich glaube, es gibt Scheinmöglichkeiten, und es gibt eine scheinbare Grenzenlosigkeit. Wenn man zum Beispiel die Phänomene der sozialen Medien betrachtet oder die starke Präsenz von Technologie- und Internetunternehmen, dann suggeriert das, dass wir uns alles aussuchen können. Dass uns alles zugänglich ist, dass wir jede Wahl haben. Aber de facto ist das nicht so, weil uns eine sehr beschränkte Anzahl an Auswahlmöglichkeiten vorgegeben ist.
DIE STIFTUNG: Beschränkt ist auf das, was Google anzeigt.
Müller: Ganz genau. Weil wir ganz stark beeinflusst werden. Interessengruppen setzen sich dafür ein, dass wir mehr konsumieren, oder etwas Bestimmtes auf eine bestimmte Art und Weise. Ich sehe schon, dass es da verschiedene Tendenzen gibt, wieder Dinge wie eine Anwesenheitspflicht vorzuschreiben. Das steht einer freien Entfaltung, einem interessengeleiteten Studium entgegen. Ich halte das für durchaus problematisch. Noch stärker, wenn das mit einer starken ökonomischen Last zusammenhängt, mit Studiengebühren, hohen Lebenshaltungskosten und dergleichen. Das sieht man in England beispielsweise. Dass viele Schulden angehäuft werden und entsprechend abgearbeitet werden müssen. Wenn man mit dem Studium fertig ist, hat man den Zwang, eine Arbeit zu finden, die genug Geld abwirft, damit man erstmal die Schulden zurückzahlen kann. Also ist der Gedanke, was man machen möchte oder was ein wertvoller Beitrag zum Gemeinwohl ist, nicht mehr die oberste Priorität. So, wie das in der Universitätslandschaft mit dem starken Fokus auf das Einwerben von Drittmitteln auch der Fall ist. Die zentrale Frage ist, wie schaffe ich es, meine Schulden abzubezahlen, wie kann ich das Geld einwerben? Das ist nicht nur eine Sache auf persönlicher, sondern auch auf institutioneller Ebene.
