Lernen und Demokratie

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
LinkedIn
URL kopieren
E-Mail
Drucken

DIE STIFTUNG: Wenn wir in Stereotypen denken: Wir haben den Schüler, der vielleicht Schwächen in Mathe hat, aber auch weiß, wie er diese ausgleichen und sich informieren kann. Dieser Schüler geht vielleicht aufs Gymnasium in die achte Klasse, auch sein Abschluss ist ihm wichtig. Er hat Ziele, Vorstellungen, weiß, wo er hin möchte. Dieser Schüler kommt mit der Anforderung, sich selbstbestimmt zu informieren und zu engagieren zurecht. Was machen wir mit denen, die nicht in dieser Liga sind? Wenn wir auf der anderen Seite den Hauptschüler sehen in der sechsten Klasse, der massive Deutschprobleme hat, der nicht alles hinterfragt, weil er nicht so erzogen wurde, vielleicht auch nicht so genau weiß, wo es hingehen soll. Der andere Ziele hat als einen möglichst guten Abschluss und hohe Bildung – wie kommen wir an den heran? Kommt man hier mit der Haltung des fordernden, selbstbestimmten Jugendlichen weiter?
Köhl: Hier werden in der Tat die Grenzen unserer Wirksamkeit aufgezeigt. Wir beanspruchen nicht, alle erreichen zu können; wir wollen aber sehr wohl eine Infrastruktur bieten, die alle erreichen könnte. Außerdem ist es uns wichtig, Möglichkeiten für diejenigen bereitzustellen, die sich in genau diesem Bereich einbringen: Die sich um Schüler kümmern, welche mit weniger Wertschätzung für Bildung aufgewachsen sind. Mit sehr guten, frei verfügbaren Lernmaterialien wird die Arbeit von Organisationen in diesem Bereich sehr gut unterstützt. Es verschwimmen sehr oft pädagogische und erzieherische Rollen mit Wissensvermittlung. Man muss nicht mehr das ganze Schulwissen, in Mathematik, Deutsch und anderen Fächer zur Verfügung haben, um jemandem, der Probleme in der Schule hat, zu helfen, es reicht, wenn man als menschliche Unterstützung, als Vorbild da ist, und dann gemeinsam auf die Materialien und Wissensaufbereitung von zum Beispiel Serlo zurückgreifen kann. Auf genau diese Art und Weise legen wir ein wichtiges Fundament für Bildungsgerechtigkeit in unserem Land. Es gibt viele Baustellen, und einige, die wichtiger sind als Lernmaterialien, zum Beispiel die Lehrerausbildung, in manchen Familien mit bildungsfremden, gewaltvollen Situationen. Aber durch den geschickten Einsatz von Technologie und den aktivierenden Ansatz gelingt es uns, mit geringem Aufwand einen umfassenden und wichtigen Bestandteil von Bildungsgerechtigkeit zu schaffen, nämlich hochqualitative, vielfältigen Lernmaterialien frei verfügbar bereitzustellen.
Müller: Somit haben auch die Eltern, die dem Kind helfen wollen, viel leichter Zugriff auf Lernmaterialien. Schauen wir uns jetzt mal die Schülerin an, die schlecht Deutsch versteht: Auf einer Seite, auf der eine deutsche und gleichzeitig mit nur einem Klick entfernt, eine türkische Version steht, kann möglicherweise die Mutter sich viel schneller einlesen in das Thema und dem Kind weiterhelfen. Da hilft es sehr, Inhalte in unterschiedlichen Sprachen schnell abrufen zu können.

DIE STIFTUNG: Nochmal zu unseren selbstbestimmten Menschen, die Freude am Lernen haben – gibt es in unserem Bildungssystem ein strukturelles Defizit, diese heranzuziehen?
Köhl: Ich habe Schulen gesehen, in denen sehr selbstständig gelernt wird. Das sind private Modelle, die unter anderen Voraussetzungen arbeiten, für mich ist aber jeder einzelne Schüler, egal in welchem Kontext, den ich sehe, von der fünften Klasse an, der sich selbst die Sachen aus dem Regal holt, seine Mitschüler fragt, gerne lernt, viele Projekte selbst anstößt, jeder Schüler, den ich sehe, ist für mich der Beweis, dass es eigentlich alle können. Unter den entsprechenden Voraussetzungen, mit dem entsprechenden Selbstverständnis, mit dem man diese jungen Menschen betrachtet und erzieht. Das Problem, was diese Einstellung gerade verhindert, ist der starke Vermittlungsdruck an den Schulen.