Lernen und Demokratie

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DIE STIFTUNG: Genau das war auch der Punkt, an dem der Diskurs explodiert ist, weil hier von Umerziehung gesprochen wurde und Sätze gefallen sind wie: Das Ziel wäre, die Kinder alle in Homosexuelle zu verwandeln. Man konnte sehr schön sehen, wie so ein Diskurs entsteht, aus welchen Gruppen er gefördert wird und wie schnell er kippen kann. Von konstruktiven Überlegungen, was man machen könnte, hin zum einem moralisch geprägten Schlagabtausch, der Lebensformen betrifft.
Müller: Ich würde nicht zwingend sagen, dass der Diskurs abgeglitten ist. Er hat vor allem gezeigt, wie tief die Ressentiments gegenüber Menschen mit alternativen Lebensformen sitzen, und ich glaube, dass es wichtig ist, gewisse Kanäle zu haben, wo man dies sehen kann. Um die Gesellschaft nicht noch weiter zu radikalisieren. In unserer Demokratie, wo man eigentlich denken könnte, dass solche Lebensformen akzeptiert sind, mit einem offen homosexuellen Ex-Außenminister zum Beispiel. Leider wurde klar, dass sie das offensichtlich nicht sind. Zumindest nicht in allen Teilen der Gesellschaft. Es gibt sehr gute Argumente, warum wir diejenigen, die in alternativen Lebensformen leben, als gleichberechtigt ansehen, warum man diese Menschen nicht diskriminieren darf. In einem Diskurs kann man diese Argumente offen darstellen. Ich glaube die Reaktionen auf diese homophoben Ansichten, auch in der breiten Öffentlichkeit, waren überwiegend ablehnend und ein positives Bekenntnis zu alternativen Lebensformen wurde von vielen Seiten bekräftigt.. Wenn es eine strittiges Thema gibt und man Kanäle zur Verfügung hat, kann man auch Argumente austauschen: Diese Positionen gibt es, aus diesen Gründen. Es ist in meinen Augen gut, dass hinterfragt wird, was Normalität ist. Wenn die Vielfalt an Meinung erstmal abgebildet wird und dann darüber diskutiert wird, welche Meinungen nicht akzeptabel sind, welche mit unserem Menschenbild von Würde und Freiheit vereinbar sind und welche eben nicht.

DIE STIFTUNG: Ein Thema, das sehr öffentlich diskutiert wurde. Aber ist das bei der Entscheidung in den Kultusministerien generell ein Thema, was in Lehrbücher kommt oder nicht? Wird hier immer so gestritten, in der Öffentlichkeit aber gar nicht wahrgenommen? Wie selektiert wird, was gelehrt wird und was nicht? Oder ist es gar nicht so dramatisch?
Köhl: An diesem öffentlich ausgetragenem Konflikt sieht man endlich, dass Menschen plötzlich bewusst geworden ist, dass Lehrinhalte eine Machtausübung auf ihre Kinder sind, und zwar eine massive. Deswegen sehe ich das sehr positiv. Die Schule ist nach dem Gefängnis die Institution, wo der Staat am stärksten das Leben von Menschen beeinflusst; es gibt die Schulpflicht in Deutschland, eine starke Lehrplanbildung, strenge Bildungsstandards, die vorgegeben sind. Das heißt, es wird immer nur eine Auswahl von Themen und oft auch eine Vorinterpretation geliefert, und das ist eine Machtausübung, über Kinder. Es ist auch legitim, dass der Staat eine gewisse gemeinsame Wertebasis bei seinen Bürgern schaffen will, damit beispielsweise Kommunikation möglich ist. Dass alle Englisch lernen müssen, oder das Verständnis für Grundrechte und Menschenwürde, auf die man sich historisch bedingt geeinigt hat. Auf der anderen Seite hat es aber gerade im Alter zwischen zehn und zwanzig Jahren starken Einfluss auf die Weltanschauung dieser jungen Menschen. Dementsprechend müsste man sich eigentlich wünschen, dass viel mehr öffentlich darüber diskutiert wird. Das passiert zwar in einem demokratischen Staat, aber leider nach vielen Repräsentationsschritten: Der Abgeordnete wählt eine Regierung, die Gremien einsetzt. Bis in die Schulbücher sind es sehr viele Repräsentationsschritte, bei denen der einzelne Bürger seine Ansicht nicht mehr implementiert sieht. Wenn man dagegen eine Lobbyorganisation hat, die gut finanziert ist, alle diese Möglichkeiten und Akteure kennt und weiß, an welcher Stelle welche Gremien wichtig sind, um ihre Interessen durchzusetzen. Die aber vielleicht weniger mit dem Gemeinwohl und dem, was die Bürger wollen, zu tun hat. Sondern mit finanziell ermächtigten Einzelinteressen, zum Beispiel von Unternehmen, denen wichtig ist, dass Schüler bestimmte Fähigkeiten haben.